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DIE UNBEUGSAMEN VON RÜTERBERG
#1
DIE UNBEUGSAMEN VON RÜTERBERG

Ein Dorf trotzt der Flut


Das Hochwasser schlägt noch immer eine Schneise der Verwüstung durch Ostdeutschland, doch ein kleines Dorf hält die Stellung. Rüterberg, ein 170-Seelen-Fleckchen bei Dömitz, sollte evakuiert werden. Alles war vorbereitet, Polizei und Bundeswehr zur Stelle. Nur die Rüterberger spielten nicht mit.



Rüterberg - Rüterberg ragt auf einem 30-Meter-Hügel aus den Fluten hervor wie eine Insel der Gelassenheit. "Eine Evakuierung wäre totaler Quatsch gewesen", sagt ein Rüterberger. Was sich "die da oben" dabei gedacht hätten, ausgerechnet Rüterberg zu evakuieren, das auf einem Hügel liegt, gehe über seinen Horizont, schimpft der Mann, dem ein großer Feldstecher vor dem beachtlichen Bauch hin- und herbaumelt.

Sich über "die da oben" zu wundern, haben die Rüterberger schon lange aufgegeben. Schon die örtlichen DDR-Behörden hatten es nicht leicht mit dem Dorf. Rüterberg lag mitten im Sperrgebiet. Auf der einen Seite die Elbe, die Grenze zur Bundesrepublik, auf der anderen Seite ein Zaun, der spätestens um zehn Uhr abends verschlossen wurde. "Wir waren eingesperrt", sagt Joachim Utke, amtierender Wehrführer Rüterbergs. "Da haben wir einen Aufstand gemacht und uns zur Dorfrepublik ausgerufen." 1967 schließlich erhielt das Dorf offiziell den Status "Dorfrepublik", der noch heute auf dem Ortsschild prangt. Die Obrigkeit war vor den Rüterbergern in die Knie gegangen.



Verglichen damit war die kurze Konfrontation mit dem Landrat, der am Mittwochmorgen die Evakuierung angeordnet hatte, ein Spaziergang. Diesmal hatten die Dorfbewohner auch die Argumente auf ihrer Seite: Nur fünf Häuser, die am Fuß des Hügels stehen, könnten der Flut anheim fallen. Doch Rüterberg wäre nicht Rüterberg, wenn nicht schon längst eine Trutzburg aus Sandsäcken stehen würde. "Der Damm hält ganz sicher", brummt Harald Grimm, Utkes vollbärtiger Schwiegersohn mit Dorfschmied-Figur. Immerhin hat er zusammen mit anderen Anwohnern die Säcke eigenhändig aufgetürmt. "Meine Hand für mein Produkt", sagt Grimm.



Sollte Rüterberg im Hochwasser zur Insel werden, stehen Notstromaggregate, immense Vorräte an Trinkwasser und Lebensmitteln, ein Arzt und Boote bereit. "Bis auf vier Leute sind alle dageblieben", sagt Utke. Zwar musste jeder Einwohner unterschreiben, dass er im Notfall nicht auf Hilfe von Außen zählen darf, aber das scheint die Dörfler nicht aus der Fassung zu bringen. "Die Evakuierung wird jetzt abgeschlossen", verkündet die Polizei über ihre Lautsprecher. Dann sind Ordnungshüter und Bundeswehr verschwunden. Ein Dorfbewohner zuckt mit den Schultern: "Endlich sind die weg."

Quelle <a href="http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,210463,00.html]spiegel online</a>

da sag ich doch: <img src="http://www.plaudersmilies.de/happy/xyxthumbs.gif" alt="" /> dieses Dorf ist mir absolut sympathisch!!



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#2
Das ist denen ein Dorn im Auge, wenn Leute über sich und ihr Leben selbst entscheiden wollen. Und der Bunzbürger schüttelt verständnislos den Kopf, ob dieser Unvernunft und ist der Meinung, die müßte man auf eigene Kosten zwangsevakuieren und natürlich zwangssterilisieren, damit sich solcher Irrsinn nicht fortpflanzen kann. Nur ein wenig sehnsüchtiger Respekt in Gedenken an einen Menschen, der man vielleicht selbst einmal war - aber schnell beiseite geschoben, sonst leidet das Selbstwertgefühl. :-)


Entweder man findet einen Weg oder man schafft einen Weg!
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#3
In der Tat, so ist die Welt gestrickt! Da gab es wirklich Stimmen die da laut wurden in dieser Richtung (welch Überraschung).

Wie hieß denn das Dorf/die Stadt gleich, die absichtlich geflutet wurde? Hab´ den Namen nicht behalten, aber das ist ja auch so eine Geschichte....

und

<span style="color:#FF0000">RÜTERBERG RULEZ<img src="http://www.plaudersmilies.de/biggthumpup.gif" alt="" /> </span>
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#4
STANDHAFTE DÖRFLER

[b:516554]"Mein Kahn schwimmt oben"[/b:516554]


Die Gefahr, dass die maroden Deiche brechen, mag noch so groß sein, die Polizei kann noch so oft an die Vernunft der Menschen appellieren: Einige wollen ihr Heim einfach nicht verlassen. Um keinen Preis.



Wittenberge - Gnevsdorf, Lennewitz, Abbendorf: Kleine Flecken auf der Landkarte, die eigentlich schon seit Tagen evakuiert sein sollten. Die meisten Menschen, die in kleinen Siedlungen rund um Wittenberge direkt an der Elbe leben, haben sich schweren Herzens zum Verlassen ihrer Häuser entschlossen. Denn noch immer drückt das Wasser mit enormer Kraft auf Deiche, die stündlich weicher werden und jederzeit nachgeben könnten.
Viele Dörfler haben sich indes freiwillig als Deichläufer gemeldet und kontrollieren rund um die Uhr die Schutzwälle. Andere sind aus Überzeugung geblieben. Selbst Profis wie die Psychologen des brandenburgischen Landeskriminalamts und des Bundesgrenzschutzes, die seit Tagen immer wieder die gleichen Dörfer besuchen und auf die Menschen einreden, beißen bei den hartnäckigen Bewohnern auf Granit.

Zu ihnen gehört Jürgen Srajer, 56, Inhaber des "Dörpkrog am Diek" in Abbendorf bei Bad Wilsnack. Seit Beginn der Flutkatastrophe bewirtet Srajer Helfer, Polizei und Journalisten mit Bier, Kaffee und Mahlzeiten. Erst verteilte er tagelang Gulasch, dann kommt Erbsensuppe auf den Herd. "Die hält noch mal für vier Tage", grinst der Wirt. Statt Geld zu kassieren, kritzelt Srajer für jedes Gratis-Bier einen Strich auf seine papierne Kochmütze, akkurat geordnet nach Tagen. Wer die Toilette benutzen will, muss durchs Fenster klettern. Die Tür ist mit Sandsäcken verrammelt.

"Wenn Koch und Kneipe als Erste verschwinden würden, wäre das psychologisch schlecht", sagt Srajer. Außerdem fühlt er sich rundherum bestens vorbereitet: "Wenn die Flut kommt, brauche ich genau sechzehn Minuten." Flugs kramt er eine handgeschriebene Liste hervor: Eine Minute, um "Sachen und Dokumente" zu packen, fünf Minuten, um die Wohnung mit Sandsäcken abzudichten, fünf Minuten für die Kühlzellen, exakt 16 Minuten stehen am Ende der Liste. "20 Jahre lang DDR-Grenzsoldat war man halt nicht umsonst, meint Srajer: "Da habe ich so etwas ständig gemacht."



Da es keinen Friseur gibt in Abendorf, ist Srajer als Wirt auch so etwas wie der Dorfpsychologe. Er weiß, was die Flut den Menschen angetan hat. "Viele haben sich hier in den vergangenen Jahren eine neue Existenz aufgebaut." Unter ihnen seien auch DDR-Flüchtlinge, die nach der Wende in ihre alte Heimat zurückgekehrt sind. "Jetzt werden sie ein zweites Mal vertrieben", meint Srajer. "Nur ist es diesmal das Wasser."

Gegenüber des Gasthofs wohnt Erhard Wegener, 49, der zwar auch Deichläufer ist, aber auch ohne diese Aufgabe "auf gar keinen Fall" geflohen wäre. "Ich bin Fischer, ich kenne das Wasser", sagt Wegener. "Ich bin mit dem Hochwasser groß geworden." Auch seine Frau ist auf dem Hof geblieben. "Sie bleibt, bis ich ihr sage, dass es gefährlich wird."

Nur die Warterei, die gehe ihm an die Nieren. "Man fragt sich ständig, ob man vorgesorgt und an alles gedacht hat. Das raubt einem den Schlaf." Als er zusammen mit den anderen Sandsäcke gestapelt hat, war das anders. "Die Untätigkeit ist das Schlimmste", sagt der Fischer.

Sollte der Deich vor Abbendorf, der eher die Konsistenz eines Wackelpuddings als eines Schutzwalls besitzt, wider Erwarten brechen, werde ihn auch das nicht aus der Ruhe bringen. "Schließlich habe ich noch meinen Kahn", schmunzelt Wegener. "Der schwimmt oben."


Quelle <a href="http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,210743,00.html]spiegel.de</a>

und es gibt noch mehr von denen, die selbst entscheiden! ich find das klasse, all diese Leute haben meine Achtung. Fettes Grinsen

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