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Alexander, wie alles begann
#1
Alexander, wie alles begann

(Aus G. Haef "Alexander" und "Alexander in Asien" leicht veränderte Fassung)

Der sinkende Feuerball im Westen überzieht fern im Osten die Spitzen der kaum noch sichtbaren Pyramiden mit Glut. Die Dämmerung über der Wüste ist kurz; nur wenige Momente glitzert der Sand. Von Osten nähert sich ein einachsiger Wagen mit zwei Männern. In der Nähe lacht eine Hyäne; das Gelächter bricht ab, als weiter fort ein Löwe brüllt. Eine kleine Schlange gleitet von einem Steinhaufen und verschwindet zwischen Flechten. Der Steinhaufen ist die Spitze einer fast versunkenen Tempelpyramide. Bis die beiden Männer mit dem Wagen sie erreichen, sind die ersten Sterne zu sehen. Im knisternden Schweigen der Nacht sind nur die leisen Stimmen zu hören, als die Männer vom Wagen steigen und zur Pyramide gehen: ein Ägypter und ein Hellene. Mit harten Vokalen sagt der Ägypter, der Priesterkleidung trägt:

»Der Ehrwürdigste ist weit hergekommen, aus dem Heiligtum in Siwah. Er wird nicht erfreut sein, statt eines Priesters nur einen Händler zu sehen - auch wenn du in die Mysterien eingeweiht bist. Sag möglichst wenig.«

Der Hellene machte eine Handbewegung, als ob er ein aufgerafftes Gewand fallen ließe; sie gehen zur anderen Seite der Pyramide. Dort führen halbverfallene Stufen in den Boden. Im ersten Raum lodern Fackeln zwischen geborstenen Säulen und verwitterten Götterstatuen. Die Schatten scheinen zu tanzen; eine Katze verbirgt sich zu Füßen des Horosköpfigen.

Der zweite Raum ist heller: mehr Fackeln, dazu Lampen und ein großes Feuer. Auch hier taumelnde Säulen und wankende Götter: Isis, Thoth, Harthor, Horos, ein Apisstier - ringsum an den Wänden Glyphen und Darstellungen aus den ägyptischen Totenbüchern. Jenseits des Feuers die Statue eines hockenden Greises unter einer großen Tafel der Sternzeichen.

Die Statue des Greises bewegt sich jedoch; der Greis hebt den Kopf und starrt den Eintretenden entgegen. Er ist uralt. Den kahlen Kopf bedeckt eine weiße Kapuze nur zum Teil; das fahle weiße Gesicht vermengt sich mit den Falten des weißen Gewands. Die tiefliegenden Augen versprühen schwarzes Feuer.

Der Greis öffnet den beinah zahnlosen Mund; er spricht sehr tief. Ägyptisch, schnell, hart und hörbar zornig. Der andere Priester verneigt sich mehrmals, antwortet betont demütig, wendet sich schließlich an den Hellenen.

»Wie ich sagte«, flüstert er, dann lauter: »Der Ehrwürdigste ist aus Siwah gekommen, um die wichtigste Botschaft seit Jahrhunderten zu überbringen. Was weißt du vom Großen Jahr?«

Der Hellene hebt die Schultern: »So viel und so wenig wie jeder. Die kleinen Sterne rennen, die großen, die unsere Zeichen bilden, stehen scheinbar still, aber auch sie bewegen sich. Nach etwas mehr als fünfundzwanzigtausend Jahren stehen sie dann wieder so wie zu Beginn. Dann fängt ein Neues Zeitalter an - ein neues Großes Jahr. Ist es das?«

Der Uralte blinzelt; langsam steht er auf. Er beginnt mit schwarzer, knarrender Stimme zu sprechen. Während er redet, berührt er auf der Zodiak-Tafel die einzelnen Sternbilder.

»Unser kleines Jahr endet, wenn der Winter endet, im Zeichen der Fische. Das neue Jahr beginnt mit dem Widder, es ist die Zeit des Säens und des Aufbruchs, wenn die Reiher fliegen und die Schiffe segeln. Dann kommt der Stier, dann all die anderen Zeichen. Im Großen Jahr läuft der Kreis anders herum. Die letzten Weltenmonde im Großen Jahr sind Stier, dann Widder; das Neue Zeitalter beginnt im Zeichen der Fische.«

Er macht eine Pause, scheint aber keineswegs erschöpft. Der jüngere Ägypter blickt den Hellenen von der Seite an: »Hast du verstanden?«

Der Hellene grinst plötzlich: »Ich bin ja nur ein Händler und Seefahrer, aber mit den Sternen muß ich mich ein wenig auskennen, sonst komm ich nicht an mein Ziel. Ja, ich hab das verstanden. Ist ja nicht so schwer. Ich weiß nur nicht, was daran so unendlich wichtig ist.«

Der Alte macht ein kratzendes Geräusch tief in der Kehle: »Du wirst hören, Hellene. Jeder Weltenmond wird beherrscht von den Göttern, in deren Zeichen er steht.« Die Hand geht wieder zur Karte des Zodiaks. »Es sind immer etwa zweitausendeinhundert unserer kleinen Jahre. Als Die Fruchtbare endete und das milde Atlantis versank, begann der Mond des Löwen, des Herrn über Feuer und Krieg; an ihn und seine Einheit mit den großen Fürsten erinnert die Sphinx. Sie wurde am Ende des Großen Löwen-Mondes errichtet. Dann kamen die Monde Des Gepanzerten und Der Göttlichen Brüder, dann der des Stiers.« Der Alte deutet auf den Apisbullen. »Nun leben wir vor dem Ende des Großen Widder-Mondes, unter der Herrschaft Amûns, dessen Sohn und Gefäß der Pharao ist. In etwa zweihundertfünfzig kleinen Jahren ist das Ende der Zeit, und es beginnt ein neues Großes Jahr. Wir wissen nicht, wer der Herr der Fische sein wird. Aber wir wissen, daß der Herr des Widders bis dahin herrschen muß, wenn nicht Mâats ewige Waage kippen soll. «
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#2
Das Gefäß des G*ttes

Der jüngere Priester legt beide Hände flach an die Stirn. »Die Ordnung von Himmel und Erde«, murmelt er. »Und das ist der Grund, aus dem du hier bist - aus dem der ehrwürdigste Siwah verlassen hat.«

Der Hellene blickt zwischen beiden hin und her; insgeheim scheint er zu zweifeln, zu staunen, vielleicht zu spotten.

Der Uralte wendet sich nun ganz dem Hellenen zu. »Seit jener, den ihr Kambyses nennt, König der Könige Persiens, Amûns heiliges Land eroberte, hat Amûn kein würdiges Gefäß mehr gefunden. Die Priester habes es gewußt; um nicht das Volk zu verwirren, haben sie die Herrscher, die nach Persien kamen, als Söhne Amûns begrüßt. Ein wenig war der G*tt immer anwesend. Nun hat er sich ganz von uns zurückgezogen.«

Der Hellene blinzelt. »Ammon hat Ägypten verlassen? Auch Siwah?«

»Wir ergründen seinen Willen - wir ertasten sein Ka. Aber er hat kein Gefäß mehr im Reich. Sein Wille hat sich nach Norden gewandt, nach Hellas. Dort wird sein neues Gefäß geboren, sein nächster Sohn, ein Herrscher. Er wird geboren im Zeichen von Feuer und Krieg, im Zeichen des Löwen.« Der Alte streckt die Arme aus und intoniert die letzten Sätze beinahe singend. »Dann wird er kommen, die Waage zu stützen, die Perser werfen, Amûn zu erfüllen.« Er bricht ab, starrt den Hellenen an. »Alles muß bereitet werden. Geh, Bruder; zeig es ihm.« Er richtet noch ein paar Worte in Ägyptisch an den anderen Priester; dann sinkt er wieder zu einer sitzenden Figur zusammen.

Der jüngere Ägypter berührt den Ellenbogen des Hellenen. »Komm.«

Sie gehen hinaus in die Nacht. Der Himmel ist ein gleißendes Sternenmeer. Der Ägypter deutet auf das Sternbild des Widders. »Ammon.« Er nestelt unter seinem Umhang und holt ein Amulett hervor: das Horos-Auge in der Schlaufe des Ankh. Der Hellene hält die offene Hand hin und nimmt es entgegen.

»Geh nach Dodona und nach Samothrake. Sie müssen wissen - wenn sie es nicht schon selbst erkannt haben. Sag, was du gehört hast, und zeig ihnen das Auge.«

Der Hellene hängt sich das Amulett um den Hals. Zögernd sagt er: »Aber - werden sie das Gefäß des G*ttes erkennen? Und werden sie mir glauben?«

»Sie werden glauben, weil sie wissen. Sie werden erkennen, weil sie wissen. - Schau!«

Ein Komet rast über den Sternenhimmel. Er durchquert das Sternbild des Widders. Der Ägypter hebt beide Hände. »Das Zeichen - nach Norden!«
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#3
Olympias, die Mutter Alexanders

Der Komet wird zu einem langen Blitz im Dunkel, das er zerfetzt. Krachender Donner folgt, Woge um Woge, als wollte er nie enden. Dann weitere Blitze, die sich langsam entfernen; der Donner wird leiser. Unter dem trüben Himmel eines späten Nachmittags knien vier Frauen vor einem weißen Altar. Er ist bedeckt mit Taubenkot. Dahinter und seitlich stehen knotige Eichen. Auf den Ästen und in den Zweigen hocken Tauben; einige flattern fort, andere landen.

Eine der Frauen ist schwarz; sie trägt ein ägyptisches Priestergewand und kostbaren Kopfschmuck. Die zweite Frau ist gelb und in ein fast durchscheinendes, eng anliegendes Gewand aus gelber Seide gehüllt; ihre Augen sind wie Schlitze, die Wangenknochen hoch. Die dritte Frau ist weiß und hellblond; sie hat blaue Augen und trägt ein ledernes Jagdgewand. Die vierte Frau, die jüngste der vier, ist nackt bis auf einen knappen weißen Chiton; ihr Haar ist wie brennende Kastanie. Sie ist üppig; das Gesicht strahlt Sinnlichkeit aus, aber auch dämonische Willenskraft.

Der Donner kommt leiser, aus größerer Ferne. Der Wind wird stärker, raschelt in den Eichen, reißt einen der um kleine Zweige gewickelten Papyrosstreifen ab. Die Tauben gurren und seufzen. Die drei Frauen scheinen zu lauschen, die Jüngste blickt zwischen ihnen und dem Altar hin und her.

Die schwarze Ägypterin bewegt den Oberkörper rhythmisch vor und zurück. Zunächst murmelt sie etwas, dann singt sie monoton, immer lauter:

»Ammon - Ammon - Ammon ...« Wieder und wieder sagt sie den Namen, schrill und tief, lauter und leiser, bis der Platz um den Altar vom Namen des G*ttes widerhallt. Der ganze Ort schwingt in der Frequenz des Namens.

Die Frau in gelber Seide nimmt ein Eichenstöckchen und malt in den Staub einen Kreis, halbiert ihn durch eine Wellenlinie, bringt in beiden Hälften je einen augenartigen dicken Punkt an, schraffiert eine Hälfte.

Die Hellblonde wirft den Kopf hin und her, bis ihr Haar das Gesicht bedeckt.

Die Schwarze beendet die Anrufung des G*ttes und blickt die jüngste der Frauen an. »Die Götter haben deinen Vater, den König, früh zu sich gerufen, Olympias.«

Die Weiße spricht durch den Haarvorhang. »Er war ein guter Mann, aber zu früh hat er den Nabelstrang durchtrennt, der Menschen an diese Welt bindet. Dein Oheim ist eingeweiht.«

Die Gelbe: »Er ist Herrscher und Priester. Er hat dich zu uns gebracht. Es ist sein Wille, daß der Wille der Götter geschehe.«

Die Ägypterin: »Olympias, du wirst den Heiligen Hain von Dodona verlassen. Du wirst zum Tempel des Ammon reisen der auch Bel-Marduk ist. Der Tempel auf der Insel Samothrake. Dort wirst du in die übrigen Mysterien eingeweiht, und für eine Zeit wirst du Hetaira sein im Tempel.«

Der Wind nimmt zu, weht das Haar aus dem Gesicht der Weißen, als sie weiterspricht. »Olympias, ein großer dunkler Krieger und Herrscher wird nach Samothrake kommen. Er wird sich dort von Blut reinigen, das er vergossen hat. Du wirst ihn sehen, er wird dich sehen. Du wirst seinen Sohn gebären, das neue Gefäß, das Ammon auserwählt hat. Er wird die Welt verwandeln.«
Der Wind ist nun beinahe zum Sturm geworden und verweht ein Teil dessen, was die Gelbe sagt. Sie hält den Kopf gebeugt; beim Sprechen betrachtet sie den Wellenkreis auf dem Boden. »Dein Sohn Olympias, Gefäß des G*ttes, auserwählter Sohn des Ammons, der Zeus ist und Bel-Marduk und ... wird er sein Alles für Alle, G*tt und Mensch, Vater und Sohn, Mann und Frau, Feind und Freund ... die Welt zerstören und heilen. Er wird zweifeln und glauben ... den Ungläubigen Glaube sein. Er wird jung sterben und unsterblich leben. Alle Gaben sind sein, mehr als je ein Sterblicher besaß, und er wird alles verschenken. Alle Gewalt, gut und schlecht, Demut und Anmaßung, und ...«

Ein Kugelblitz birst vielfarbig neben den Frauen und dem Altar; er tilgt das kreisförmige Zeichen auf dem Boden. Donner, Regen und rauschende Eichen übertönen alles. Die Frauen stehen auf; schrilles Gelächter schneidet durch die anderen Geräusche. Die drei Priesterinnen fassen einander bei den Händen. Für Momente wird der Sturm leiser; die Weiße sagt: »Wir drei sehen uns wieder.« Ihre Gesichter altern jäh; dann lösen sich die drei Frauen auf und werden zu Nebel, den der Sturm verweht.

Olympias wendet sich vom Altar fort. Sie ist durchnäßt und bebt. Sie hebt die Arme zum dunklen Himmel; in ihrem Gesicht mischen sich Angst und Grauen mit Lust und Triumph.
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#4
Olympias, die Priesterin

Viele Dinge blieben für Olympias Rätsel, jedenfalls in den Einzelheiten. Was im Tempel der Insel Samothrake geschah, bekümmerte sie kaum; das war für die gewöhnlichen Leute, die zu den Göttern wollten oder Nachwuchs erhofften und Reichtum erbitten wollten oder sich in den Mysterien verloren. Die wirklich wichtigen Dinge ereigneten sich an anderen Orten: in den Höhlen und Hainen.

Dort wurden die Priester eingeweiht und ausgebildet, zu denen sie nun gehörte; und von dem was die Priester erfuhren, gaben sie nur einen winzigen Teil an die Menschen weiter.

Manchmal, in Momenten der Hellsichtigkeit nach tagelangem Fasten begriff sie alles. Dann war sie nicht Priesterin, sondern Teil der Göttin. In diesen lichten Momenten war ihr Verstand ein hoher glänzender Adler, dessen Fersen die Sonne nicht sengen konnte. Dann sah Olympias die Umrisse jenseits der Bilder und Worte und die Fäden, an denen diese Bilder und Worte hingen und die Menschen, die diese Fäden hielten und sponnen, und sie begriff, daß auch die Mysterien nicht mehr die wahren und ursprünglichen Geschichten erzählten.

Statt dessen offenbarte sich eine dreifach schreckliche Wahrheit: die Unterwerfung der Natur durch den Menschen, die Unterwerfung der Frau durch den Mann und die Unterwerfung des Geistes durch eine feindliche Priesterschaft, die nicht den alten Göttern diente, sondern dem Schein des Erdenseins, in dem sie alle gefangen gehalten waren. Sie begriff die Kuppel, die alles Irdische wie eine Haube umgab, um die andere Welt, die richtige Welt da draußen, vor den Taten und Gedanken der einfachen Menschen zu schützen. Und sie begriff sich als Dienerin dieser anderen Welt, die Soldatin und Priesterin zugleich war, um dem wahren Tempel zu nutzen, den falschen G*tt zu bekämpfen und die Wahrheit wissend zu tragen.

Große fruchtbare Mutter enträtselt und urbar gemacht, von Horos verehrt und von Osiris begattet, während der Bruder Sethus ein Geschlecht männlicher Könige einrichtete und den Bruder mordete. Gorgo Medusa, furchtbare Mutter und Herrin der Schlangen. Isis-Hathor große fruchtbare Kuh, freie Herrin aller Männer statt gefügige Gattin des einen.

Olympias, die Priesterin, die in die Geheimnisse des Tempels eingeweiht wurde, damit sie einen wissenden Sohn gebäre, der in einer großen Anstrengung die ursprüngliche Wahrheit restaurieren würde, und das Ansehen der ehrwürdigen Götter und ihrer wahrhaftigen Priesterschaft unter der ganzen Erdenkuppel verbreiten würde. Er, der Verkünder der ehrwürdigen Wahrheit der Göttin, der den Verrat des einen Priesterg*ttes rächen und austilgen würde und der Ägypten von den Persern befreien würde. Der gesalbte Pharao, der gedankenlos gedankenvolle Heros, der die Welt zerstören und heilen würde; der jung sterben und unsterblich leben würde; dem alle Gaben gehören, die je ein Sterblicher besaß, und der alles opfern würde, um dem wahren Tempel zu dienen, der da draußen war; und der reich belohnt werden würde, mit Gold und Weisheit.

Olympias entfernte das Schwämmchen aus ihrer Scheide, richtete sich auf und streifte die Kette wieder über den Kopf. Horosauge und Ankh lagen zwischen ihren Brüsten. Sie fuhr mit der Zunge über die Lippen und warf das lange brandrote Haar mit einer jähen Kopfbewegung zurück. Der Ägypter kleidete sich an; flüchtig verneigte er sich vor Olympias und dann vor der Statue des gehörnten Widderg*ttes. Er sah Olympias an, und wieder ging ein Weg zu Ende. "Morgen wird er kommen." Olympias öffnete die Augen weit, Gefäße eines tiefen schwarzen Lichts. "So bald? Und - woher weißt du?"

"So spät. Endlich."

Einen Moment wirkte Olympias sehr jung, fast kindlich und sehr einsam. "Und dann?" sagte sie mit dünner Stimme.

"Du bist eingeweiht - in alle Stufen des Mysteriums. Du weißt alles, was es zu wissen gibt - über die Götter, die wahre Welt, über die Innenseite des Tempels und die Außenseite des Fleisches. Neun Tage wirst du ihn geleiten."

"Wie?" Sie drehte sich auf die linke Seite, stützte sich auf den Ellenbogen.

Der Ägypter folgte den Bewegungen des Amuletts und der Brüste. "Er kommt als einer, der die Priester um Rat befragt, denn er hat Pläne für sich und die Zukunft seines Landes. Neun Tage wirst du ihn dabei geleiten, als Priesterin, und neun Nächte als Gefährtin. Er ist groß, ein Herrscher unter den Männern. Stark und sehr klug, aber auch sehr dickköpfig und trotzig. Er beachtet uns Priester nur gering, und es besteht Gefahr, daß er auf den Verräter-Priester hereinfällt, der Sethus ist, und die Ohren der Menschen und ihrer Herrscher vergiftet. Sethus ist schon auf dem Weg zu ihm, wir müssen ihm zuvorkommen."

Sie lächelte. "Aber wenn er so stark ist und so klug und ebenso trotzig, wie kann ich ihn dann zu meinem und unserem Mann machen? Daß er meinen Sohn zeugt - Ammons Gefäß?"

Der Ägypter lachte halblaut. "Jede Priesterin kann einen klugen Mann lenken, nur ein Trottel hört nicht auf den Rat der Priesterinnenfrau. Er ist kein Trottel - ihr solltet gut miteinander auskommen." Er wandte sich der Ammonstatue zu. Um den Hals des G*ttes ringelte sich beinahe lebensecht eine große goldene Schlange. Der Ägypter streckte die Hand aus und berührte eines der goldenen Widderhörner der Statue. Er brach es ab, und Olympias stieß einen heiseren Schrei aus.

"Vergiß nicht", sagte der Priester ernst, "mein Freund, der Priester Aristandros ist in seiner und deiner Nähe und stets mit dir. Wenn du je Hilfe benötigst, wird er da sein, um dich anzuleiten." Der Ägypter legte das abgebrochene Horn des Widderg*ttes neben Olympias auf die Liege. Mit weit aufgerissenen Augen sah Olympias, wie sich das Horn zu einer Schlange verwandelte, die sich entrollte, den Kopf hob und leise zischte und sich Olympias schließlich um den Hals legte - um dann auf ihren Kopf zu kriechen. "Und auch die Göttin", und der Ägypter wies dabei auf die Schlange, die zuvor noch ein Widderhorn gewesen war, "wird dich stets begleiten und dich mit ihrem Schutz umhüllen."

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#5
Philipp, der Vater Alexanders

König Philipp von Makedonien trat hart auf die gepflasterte Straße der Insel Samothrake. Er betrachtete die Abfallrinnen, die erhöhten Gehsteige, die weißen zweigeschossigen Häuser und die sauberen, buntgekleideten Menschen. Seine Stimme klang verdrossen und zugleich bewundernd, als er sich an seinen Feldherrn Parmenion wandte: "In Pella, die meine Hauptstadt ist, gibt es zuviel Dreck. Aber hier haben sie dank der Götter genug Geld. All die Drachmen, die die Reisenden hinterlassen."

Aristandros, der ebenfalls zum Gefolge des Königs gehört und Priester in Samothrake ist antwortet: "Du könntest ja Pella oder Aigai, die die alte Hauptstadt ist, auch zum Mittelpunkt eines erhabenen Kultes machen." Philipp schnaubte. "Der Preis ist mir zu hoch. Wer würde den König noch verehren, wenn nebenan ein Tempel der Götter steht? Wer würde den König noch um Rat fragen, wenn die Hohepriesterin gleich nebenan residiert? Nein - es ist schon richtig wie es ist. Samothrake ist ein würdiger Ort für unsere Götter, und ich neide ihren Wohlstand und den der Priester nicht. Es besitzt seine Notwendigkeit, und zudem kann ich nicht jedem Bettler in Pella einen Palast bauen, nur um das Bild der Stadt zu verschönern. Hier auf Samothrake wohnen die Priester, und so soll es bleiben."

Die Straße mündete in einen von Zypressen beschatteten Platz mit Bogengängen. Im Eingang eines Hauses, vor dem eine üppige Aphrodite prangte, lehnten fünf junge Frauen. Philipp lächelte und verbeugte sich kurz. "Ah ja. Es gibt also auch Priesterinnen der angenehmsten Art hier." Der Priester Aristandros berührte Philipps Arm. "Spar deine Kraft für den Tempel - du wirst sie brauchen. Im Tempel wird man dir eine Priesterin zur Seite stellen, für die Dauer der Zeremonien. Sie soll Mittlerin zwischen dir und der Götterunde sein, aber verlange keine anderen Dienste von ihr! Hörst du Philipp?" Der König der Makedonen nickte mürrisch. Aristandros nickte ebenfalls. "Wir sehen uns morgen früh - wir alle" und er nickte auch Parmenion zu. "Kommt nüchtern, und enthaltet euch der Fleischspeise."

Parmenion geleitete den Priester einen Stück den Gang entlang. Halblaut sagte er: "Du kennst ihn doch, Aristandros. Wenn du wirklich Wert darauf legst, daß er die Finger von der Priesterin läßt... Du weißt, Philipp kann keiner Frau widerstehen und keine Frau ihm. Es ist eine Art Naturgesetz." Parmenion lächelte verschmitzt. Dann fuhr er fort: "Du hättest ihm sagen sollen, die Priesterschaft legt allerhöchsten Wert darauf, daß er mit dieser Priesterin beischläft. Vielleicht hätte Philipp es dann unterlassen." Aristandros blinzelte: "Ach ja?" und verabschiedete sich von Parmenion.

Parmenion sah hinter dem Priester und den beiden Helfern her, die sein Gepäck trugen, kratzte sich den Nacken und murmelte: "Also was soll das nun wieder werden, wenn es fertig ist?" Jedoch hatte er gelernt, den Priestern zu vertrauen und wußte, daß sie weitblickender waren. Weitblickender als selbst der König es war, dem Parmenions ganze Loyalität galt. Die Priester lenkten die Geschicke des Reiches, das älter war als Makedonien, älter als Griechenland und sogar älter als Ägypten. Parmenion wußte, daß der Tempel sowohl das Richtige, als auch das Notwendige tat - und daß sich der Tempel nicht von den Emotionen der Menschen, noch von ihren Dünkeln oder Vorlieben beeinflussen ließ. Der Wille der Göttin, die die große Mutter ist, nahm in den Werken der Priester lebendige Gestalt an, und manches Mal war auch eine kleine List notwendig, um die sture Logik und Emotion der einfachen Menschen und sogar die der Könige zu überzeugen.

Parmenion lächelte. Auch er wurde von den Priestern geschickt beraten. Und selbst wenn er nicht alle Geheimnisse erfuhr und hin und wieder eine Priesterlist notwendig gewesen war, um ihn von der Richtigkeit einer Sache zu überzeugen, so hat ihn der Rat der Priester stets zu Erfolgen geführt - sofern er ihn konsequent umgesetzt hatte. Was würden die einfachen Menschen nur tun ohne die Priester? Und selbst die Könige könnten nicht regieren, ohne den weisen und vorausschauenden Rat des Tempels.

"Die Welt würde in einem Chaos versinken", sagte Philipp, als ob er die Gedanken des Parmenions verstanden hätte. Und dann fuhr Philipp fort: "Es würde nicht lange dauern, und eine neue Religion würde sich zu den Ratgebern der Menschen und Könige emporschwingen, jedoch nur Verderben und Verderbtheit bringen."

Parmenion nickte, und der König sprach weiter: "Es gibt viele, die auf die Priester neidisch sind. Sie beneiden sie aufgrund ihres Wohlstandes, sind aber selbst nicht in der Lage taugliche Ratschläge zu erteilen. Es ist der Neid der Minderwertigen auf das Gute, und ich bin in Sorge, daß die Menschen die Arbeit der Priester und Priesterinnen nicht genug schätzen und würdigen, weil sie für einfache Gemüter nur schwerlich zu erkennen ist."

"Natürlich weiß ich, daß die Priester etwas planen", sagte Philipp. "Sie wollen mir diese Priesterin, die mir angeblich nur als Vermittlerin dienen soll, als Gefährtin und Königin zur Seite geben."

Parmenion sah seinen König erstaunt an, doch Philipp fuhr fort: "Natürlich lasse ich mich darauf ein. Es wäre töricht, den Rat der Priester und den Willen des Tempels zu ignorieren. Ich will nur hoffen, daß die Frau von ansehnlicher Gestalt und vornehmen Blutes ist, einer Königin würdig."

"Du läßt Dich also darauf ein und wirst die Priesterin zu unser aller Königin machen?" fragte Parmenion nach, um ganz sicher zu sein.

"Ich werde es tun!" sagte Philipp "... aber auf meine Weise - so wie es sich für meinen Ruf als starker und furchtloser König der Makedonen geziemt." Parmenion schaute fragend. Philipp legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach geheimnisvoll: "Laß dich überraschen, mein Freund und Oberster Feldherr! Ich werde die Priesterin bereits morgen heiraten und unseren lieben Aristandros damit völlig überraschen." Philipp lachte aus ganzem Herzen und voll unheimlicher Vorfreude auf seine morgige Tat.

Dann schaute Philipp zur gerade untergehenden Sonne, die wie ein roter Feuerball fern im Meer verschwand. "Der morgige Tag beginnt in wenigen Stunden. Es ist der Tag, der mir eine Frau und den Makedonen eine Königin bescheren wird. Laßt uns schlafen, damit wir voll Kräften zur großen Tat schreiten können."

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#6
Weitreichende Pläne

Philipp klatschte in die Hände. Sofort traten drei Hausarbeiter vor den König. „Bis das Bad bereitet ist, will ich keinen sehen.“ Er lehnte sich zurück und schloß die Augen. „Ihr zwei – hierbleiben.“ Damit waren Antipatros und Parmenion gemeint, die beiden engsten Vertrauten des Königs.

Antipatros hockte sich auf die Tischkante; Parmenion zog einen Scherenstuhl aus geschnitzter Zeder heran und setzte sich. „Also, diese Frau im Tempel …“ fing Antipatros an „… da ist etwas unterwegs.“

Parmenion lächelte und Philipp gähnte. Dann legte Philipp seinen rechten Arm freundschaftlich auf Antipatros Schulter und sagte: „Ich weiß.“

Parmenion grinste. „Viel Zeit zum Reden läßt uns der Abend nicht mehr, Philipp. Dein Bad ist gleich fertig.“ Philipp kniff ein Auge zu. „Das Bad ist geräumig. Ihr beide stinkt. Ihr kommt mit. Dabei belauscht uns keiner.“

Antipatros sprach leise. „Was hast Du vor, mein König? Welche wichtigen Dinge gibt es zu berichten?“

Philipp verschränkte die Arme und lächelte. „Habt ihr euch gar nicht gewundert?“

Parmenion atmete durch die Zähne ein. „O keine Ratespiele zu dieser Tageszeit. Du weißt, wer Antipatros und Parmenion sind. Wir wissen wer Philipp ist. Es muß schon etwas Größeres sein, sonst hättest du wenigstens einen von uns in der Hauptstadt Pella gelassen.“

Philipp nickte langsam; die Augen waren halb geöffnet, sein verhangener Blick tückisch. „Ihr habt meinem Vater gedient und meinem Bruder Alexandros – euch aber ihrer Mörderin, der Regentin Eurydike verweigert und statt dessen Perdikkas beraten. Jetzt seid ihr bei mir. Warum?“

Parmenion holte tief Luft. „Wir wollen Makedonien stark und gesichert sehen. Wie es war, bevor einer von uns geboren wurde. Außerdem gefällt mir, wie du Dinge anpackst.“

Antipatros sagte beinahe feierlich: „Parmenion geht voraus und macht dir, Philipp, den Weg frei. Ich folge und hüte deinen Rücken, damit du ruhig schlafen kannst. Er ist dein Feldherr, dein starker Arm, und ich bin dein Auge und dein Ohr. Selbst wenn du o großer König einmal schläfst.“

Ein Hausarbeiter erschien. „Das Bad ist gerichtet, Herr.“ Philipp winkte. „Geh, bereite mehr Tücher – für drei. Wir folgen sofort.“ Sie ließen sich im Bad nieder und achteten darauf, daß sie von niemandem belauscht wurden. Dann hub Philipp zu sprechen an: „Seit zweihundert Jahren ist es so, wie es ist. Athen, Theben, Sparta, Thessalien, Makedonien, die Achaier und Aitolier und Epeiroten und Phoker und Akarnanier und Ambrakier, jeder gegen jeden, mal mit dem einen, dann mit dem anderen verbündet. Die hellenischen Städte in Asien, die ewig von den Mutterstädten geschützt werden sollten und bei jeder Gelegenheit an die Perser verscherbelt werden, wenn der persische Großkönig sich mal wieder in hellenische Wirren einmischt. Dazu die Völker im Norden – Illyrer, Thraker, Paionen, Geten, Triballer.“ Leise und eindringlich sagte Philipp: „Das muß ein Ende haben! Makedonien wird nur dann leuchten können, wenn ringsherum die Völker unsere dauerhaften Freunde und Verbündeten sind. Das ist das Ende des Weges, Freunde. Ein Bund aller Hellenen, mit einem gemeinsamen Rat und einem gemeinsamen Heer und einem gemeinsamen Strategen. Mild und gerecht nach innen, ohne gewaltsame Auseinandersetzungen wie bisher; stark genug nach außen, um auch den König der Könige in Persien zwingen zu können, den Hellenen in Asien ihre Freiheit zu lassen.“ Nach einer kurzen Pause fügte Philipp noch hinzu: „Und auch stark genug, um die Kelten eventuell davon abzuhalten, falls sie unser Land von Norden her bedrohen wollten.“

„Du meinst“ ergänzte Antipatros, „falls es dem Großkönig auch hier gelingt unsere Nachbarvölker mit Hilfe des persischen Goldes gegen die hellenische Einigkeit aufzuwiegeln.“

„O das wird ihm gelingen, wenn wir den Nachbarn keine besseren Argumente liefern“ fuhr Philipp fort. „Persien sorgt dafür, daß sich alle uneinig sind und zieht daraus seinen Nutzen. Der persische Großkönig regiert ein mächtiges Reich, wie es noch niemals auf Erden existierte. Von Griechenland bis hin zum Hindukusch – die ganze Welt. Nur ein paar kleine Randflecken, die sich für Persien nicht lohnen, haben sie sich nicht einverleibt. Man denke nur, daß das große und mächtige Ägypten von den Persern besetzt und geknechtet ist und daß alle Mittelmeermächte, einschließlich den Karthagern und den griechischen Städten nach der persischen Hundepfeife tanzen.“

Parmenion pfiff leise durch die Zähne. „Du willst den Priestern also dabei helfen Ägypten vom persischen Joch zu befreien?“

„Mein Interesse liegt bei Makedonien und nur bei Makedonien. Wenn ich dadurch den Plänen der Priester zur Befreiung Ägyptens nutze, dann soll es mir nur recht sein. Ich achte die Priester und weiß, daß ihre Pläne weise und vorausschauend sind!“

Antipatros stimmte nickend zu. „Die Perser haben kein Recht unsere Tempel zu entweihen und griechischen Geist zu schänden. Es ist über einhundert Jahre her, daß die Perser die Agora in Athen zerstörten und unser Heiligstes mißachteten. Ich verstehe, daß die Priester die Ehre des Tempels wieder herstellen wollen.“

„Es geht nicht so sehr um die Ehre des Tempels“ ergänzte Philipp „sondern vielmehr darum, daß die Perser unreine Frequenzen mit sich bringen, die nicht in unseren Lebensraum passen. Wir sind hier in Europa, das ist anders als Asien. Man darf es nicht vermischen, denn man zerstört dadurch beide Kulturen. Dem einfachen Volk erzählt man aus Gründen des besseren Verständnisses: „Daß unsere Götter zürnen“ oder „daß die Tempelschändung gerächt werden muß. In Wirklichkeit geht es jedoch um die Wiederherstellung und die Wiederetablierung der originalen Frequenzen an den originalen Orten. In Atlantis, das lange vor uns allen war und vor allem, was wir heute kennen, hat dieser Konflikt einst begonnen. Wenn Perser heute in ägyptischen Tempeln etwas zu finden versuchen, dann geht es um Dinge, die weiter zurückliegen, als wir drei es uns jemals vorstellen könnten.“

Philipp schaute kurz durch das Bad, als wollte er sich nochmals vergewissern, daß niemand anderes ihnen zuhörte. „Zum Glück wissen die Priester der Ägypter und auch die Priester der Hellenen ihre Geheimnisse gut zu wahren und die ehrwürdigen Gegenstände zu beschützen. Niemals wird etwas davon dem Feind in die Hände fallen. Auch wenn es der Priester-Verräter, der auf den Namen Sethus hört, noch so sehr wünschen möge und der Perserkönig in seinem Namen viele Griechen und Ägypter zum Verrat wegen des Goldes oder wegen angesehener Positionen anstiften konnte.“

Philipp schaute seinen beiden Freunden fest in die Augen: „Alle Überläufer verlieren in dem Moment, in welchem sie freiwillig zu dem Verräter überwechseln das, was uns zu Menschen macht. In ihre nunmehr leeren Körper zieht der Gedanke und der Wille des Sethus und seiner Komplizen, und nur er ist es, der von dem hohen Rang und von dem Golde profitiert. Er führt fortan Hände und Beine und bestimmt die Gedanken des Kopfes. Der Mensch, den man vorher kannte, der existiert von dieser Sekunde an nicht mehr. Er hat den Körper verlassen, und ein neuer Geist lenkt dieses Gefährt.“

Jetzt pfiff auch Antipatros kurz durch die Zähne. „Du sagst uns hier drei Dinge, großer König der Makedonen, mein Freund. Du hast die Regentin Eurydike, die deine Mutter ist und die deinen Vater und deinen Bruder ermorden ließ mit deinen eigenen Händen getötet, weil Du erkannt hast, daß Sethus in diesen Körper eingezogen war?“

Philipp nickte betrübt. „Die Frau, die mich zur Welt gebracht hat, die wohnte schon lange nicht mehr in diesem Körper. Sethus stahl den Körper meiner Mutter, um mich und Makedonien zu lenken. Dem habe ich ein Ende gemacht.“

„Weiterhin sagst du uns“ fuhr Antipatros fort „daß der Großkönig der Perser ein Verbündeter des Verräters ist, der uns schon seit Urzeiten bekämpft?“

Philipp nickte seinem Geheimdienstchef Antipatros zu. „Uneinigkeit durch Gold zu erschaffen und auf die emotionalen Begierden der Menschen zu wetten, das war schon immer die Politik des Verräters. Auch daran erkennt man ihn und seinesgleichen – diejenigen, die von seinem Geist besessen sind.“

„Als drittes sagst du uns“ hub jetzt Parmenion, der Feldherr, zu sprechen an „daß du unsere Unterstützung für einen Weg verlangst, der am Ende den Verräter eliminieren soll und uns Makedonen zu den Befreiern Griechenlands und Ägyptens macht.“ Leise atmete Parmenion aus. „Jetzt verstehe ich, warum du diese Priesterin heiraten und zu unser aller Königin machen mußt!“

Antipatros horchte auf. Dann sagte er: „Natürlich nur so kann das funktionieren. Diese Schlacht wird nicht alleine durch die Soldaten unseres Heeres gewonnen, sondern durch die spirituelle Macht des Tempels, die die Reinheit unserer Gedanken ist. Dazu muß dir eine Priesterin als Ehefrau zur Seite stehen.“

„In welcher Zeit, Herr?“ sagte Parmenion heiser; er war bleich um die Nase.

„Zwanzig Jahre?“ sagte Philipp. „Fünfundzwanzig? Bevor wir alle Zähne verlieren. Geht ihr diesen Weg? Er beginnt hier, wo alle Männer aus allen hellenischen Städten und Ländern zusammenkommen, um dem Tempel ihre Aufwartung zu machen. Hier auf der Insel Samothrake, die die Insel der Priester ist. Geht ihr mit, Freunde?“

Parmenion stieß den angehaltenen Atem keuchend aus und ließ sich schwer in seinen Stuhl fallen. „Sobald meine Knie wieder gehorchen“, sagte er leise.

Antipatros lachte plötzlich. „Du wirst in Ruhe schlafen können, Philipp, ich schütze deinen Rücken.“

Parmenion hatte die Stirn gerunzelt; er starrte die beiden an. „Ihr seid wahnsinnig“, sagte er schließlich. „Natürlich bin ich dabei. Wie fangen wir an?“

„Wir haben längst begonnen. Ihr wußtest es nur noch nicht. Morgen kommt ihr beide mit in den Tempel; danach werft eure Netze aus, während ich diese Frau, die morgen eure Königin wird, besser kennenlernen werde.“

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#7
Die Zeugung des Körpergefäßes

Früh am Morgen saßen die drei Freunde, der König, sein Feldherr Parmenion und sein Vertrauter Antipatros, zusammen und aßen Fladenbrot und einige Früchte. Sie schauten schweigend aus dem Fenster. Weißgekleidete, geschmückte Menschen zogen in den Wald, zum Tempel; immer wieder flattern Vögel aus den Bäumen auf.

Philipp, König der Makedonen, schob den hölzernen Teller von sich, wischte sich Mund und Hände mit einem feuchten Tuch, stand auf und ging mit vorsichtigen Schritten zum Fenster und wieder zurück. Sein Gang war steif.

Antipatros faltete die Hände hinter dem Kopf und lehnte sich zurück; der Helm rutschte weit in die Stirn. „Willst du uns wirklich beide mitschleppen?“

Philipp räusperte sich: „Ich brauche jemanden, der mich gelegentlich tritt, wenn ich allzu unbotmäßig werde.“

Antipatros nickte, Parmenion grinste und sprach zu seinen beiden Freunden: „Wir müssen noch etwas bereden. Wir sind gestern abend nicht ganz fertig geworden mit der Politik, bevor wir zu Bett gegangen sind.“

Philipp hob eine Braue.

„Deine Zeitvorstellungen. Du hast von zwanzig Jahren oder mehr gesprochen. In zwanzig Jahren bist du älter, als wir beide jetzt sind, und wir sind dann Greise. Wer soll weitermachen? Und – in welchem Amt?“

Antipatros nickte seinem Freund, dem Feldherren Parmenion zustimmend zu und sagte zu Philipp: „Ja, reden wir davon.“

Philipp hob beide Hände und ließ sie wieder sinken. „Ihr verfinstert mein Gemüt! Das hat doch noch Zeit.

„Hat es nicht.“ Antipatros schob den Helm zurück und massierte sich die kahle Stirn. „Du wärmst den Thron für deinen Neffen Amyntas, als Vormund und Verweser. Der Sohn deines Bruders, der einst König der Makedonen werden wird. Du kannst keine Pläne für zwanzig Jahre machen. Er soll der rechtmäßige König der Makedonen werden. In fünfzehn Jahren, spätestens, wird dein Neffe Einwände erheben. Du bist sozusagen nur der Verwalter seines Thrones.“

Philipp blieb am Tisch stehen und stützte sich mit geballten Fäusten auf die Platte. „Sobald die wichtigsten Dinge geregelt sind, werde ich die Versammlung der Fürsten und Krieger auffordern.“

Parmenion stieß seinen Scherenstuhl zurück, stand auf und packte Philipp an den Schultern. „Komm zu dir, Junge. Du bist der dritte Sohn von König Amyntas. Deine Brüder sind tot, der zweite hat einen Sohn hinterlassen. Der König wird von der Versammlung gewählt, und die Versammlung muß nicht unbedingt einen wählen, der unmittelbar vom alten Herrscher abstammt. Er kann auch aus einem anderen Zweig der Familie kommen. Du hast Phila zur Frau genommen – aber sie hat bisher kein Kind. Du hast die Illyrerin zur Frau genommen, auch sie ist ohne Sohn. Dann hast du die Tänzerin Philinna in dein Bett geholt – sie ist schwanger, aber sie ist aus Larisa, eine Thessalierin. Deine Verbindungen zu den Fürsten sind schwach, Philipp. Und: Solange ein kleiner Königssohn lebt, wird niemand den Onkel und Vormund zum wahren König machen – es sei denn, er hätte selbst einen Sohn, der ihm nachfolgen kann, wenn etwas geschehen sollte. Einen Sohn von einer hohen Frau, nicht von einer Tänzerin.“

Philipp lachte laut los, nahm Parmenions Hände von seinen Schultern und drückte sie. „Ah Freunde. Eine wirkliche Frau nehmen? Eine Königstochter, die sowohl die Priester, als auch die Fürsten an mich bindet? Einen Sohn zeugen? Genau das habe ich vor! Und wenn er in neun Monden geboren ist, dann wird die Versammlung der Fürsten einberufen, die mich zum unwiderruflichen König der Makedonen erklärt und meinen Sohn zu meinem Erben, der mit Hilfe des Tempels das begonnene Werk fortsetzen wird.“

Philipp schaute seine beiden Freunde an. „Das ist mein Teil der Abmachung“. Er sah nach draußen und dachte an Aristandros, den Hohenpriester der Makedonen, der sich gestern auf einem dieser Bogengänge verabschiedet hatte. Kommt nüchtern hatte er gesagt und Philipp lächelte in sich hinein. Nun wollte er endlich zur Tat schreiten. „Wollen wir doch mal sehen, ob ich nicht selbst die Priester noch überraschen kann. Begleitet mich Freunde, denn ich will nun eine Königin freien.“

„Wer sagt dir denn, daß diese Priesterin von edlem Blute ist? Du kennst sie doch gar nicht!“ Parmenion zweifelte noch immer, während die drei Freunde bereits zum Tempel gingen.

Philipp blickte seinem Freund in die Augen. „Ich vertraue den Priestern. Auch sie wissen um die politische Lage und die entsprechenden Notwendigkeiten. Auch für sie steht viel auf dem Spiel. Wenn sie eine Frau für mich aussuchen und eine Königin für euch, dann werden sie auch die richtige Gefährtin gefunden haben.

Sie lenkten ihre Schritte in den Tempelbereich. Vier Priester begrüßten den Herrscher Makedoniens: der Ägypter, Aristandros, ein Hellene, ein Thraker. Tempeldiener übernahmen die Weihegaben, die Philipp mitführte; Antipatros konnte das Gefolge entlassen. Es wurden nur wenige Worte gewechselt. Mit schnellen Schritten geleiteten die Priester Philipp, Antipatros und Parmenion durch die verschiedenen heiligen Gevierte. Vorbei an zahlreichen Altären, an geweihten Wassern, an säulenstarrenden Innenhöfen, wo weißgekleidete Pilger und Besucher Lieder in der alten thrakischen Sprache sangen und dabei mitgebrachte persönliche Gegenstände in ein Feuer warfen.

Aristandros berührte Philipps Arm und sagte halblaut. „Die besondere Begrüßung für den besonderen Gast – du bist einer der wenigen, denen es erlaubt wird, diesen Raum zu betreten. Parmenion und Antipatros dürfen ebenfalls mit hinein. Alle anderen müssen jedoch draußen warten.“

Ohne Worte, nur mit seinen Blicken gab Philipp die entsprechenden Befehle. Dann traten sie ein.

„Wir Priester“ sprach der Hellene zu Philipp „sind nur Mittler zwischen der „Alten Weisen“, die die Göttin ist und dir, Philipp, Herrscher der Makedonen.“ Der Hellene vermied es, Philipp mit dem Titel König anzureden. Dann fuhr er fort: „Die Mittler wissen, wie groß dein Sehnen ist und wie loyal deine Pläne sind. Die Mittler betrachten die Weihegaben als großmütig und reich; es ist unser Wunsch, Freundschaft und Wiederkehr des künftigen Königs der Makedonen zu bewirken.
Philipp knurrte etwas und sagte halblaut: „Beim nächsten Mal Preisnachlaß; denn schließlich soll ich ja für euch Ägypten von den Persern befreien.“

Antipatros stieß Philipp mit dem Ellenbogen an.

Der hellenische Priester räusperte sich: „Das o Philipp wird die Aufgabe deines Sohnes sein, dem du den Weg bereiten sollst.“

Dann sprach der Thraker: „Was die Mittler angeht, so ist der künftige König, dessen Belange und Bewerbung vom „Hohen Tempel“ unterstützt werden für seine Aufgaben bereit. Wir schließen hier einen Pakt mit dir, künftiger König, und an dir selbst liegt es, diesen Pakt einzuhalten – mit all deinen Kräften.
Philipp grunzte und nickte.

Sie gingen in das Zentrum des Raumes, welches durch vorgesetzte Wände, die mit Mosaiken verziert waren, vor Blicken geschützt wurde.

Olympias stand barfuß auf einem Stein mit blauen Adern. Sie trug den knielangen, ärmellosen Chiton aus weißem Leinen. Eine goldene Schärpe, statt eines Gürtels eng um den Leib geschlungen, betonte Brüste, Hüften und Gesäß. Goldgefärbt waren auch die Nägel an ihren Fingern und Zehen. Der im Tempel zum Dämmer gemilderte Tag, lodernde Fackeln und glimmende Becken, der wogende Widerschein auf Edelsteinen, Gold und Marmor umgaben sie mit vielfarbigem Feuer; es rieselte aus ihrem brandigen Haar.

Der Ägypter stellte sich zu ihrer Rechten, Aristandros zur Rechten von Philipp auf. Deine Hetaira, die Dich während der Zeit Deiner Anwesenheit hier begleitet und alle Deine Fragen beantworten wird.

Philipp stand starr. Seine Nase schien blutleer, seine Augen fraßen sich fest in Olympias’ Gesicht. Sie seufzte, kaum hörbar, öffnete ein wenig den Mund. Ihre Blicke und die von Philipp schienen sich umeinander zu flechten. Als ihre Finger seine berührten, war es, als ob beide einen Moment lang schwankten. Der Ägypter trat einen Schritt zurück; auf dem Gesicht von Aristandros erlosch das Lächeln.
Auch Antipatros starrte die Frau an, offenbar fassungslos; dann ächzte er leise, sah Philipps Gesicht und schloß die Augen.

Philipp und Olympias preßten die Handflächen gegeneinander; die Finger verschränkten sich wie im Krampf. Der Makedone streckte die linke Hand aus; ohne von Olympias’ Augen fortzuschauen, löste er die goldene Spange, die das aufgetürmte rote Haar zusammenhielt. Das Schmuckstück klirrte zu Boden, lag zwischen Olympias’ Füßen. Mit einer Kreiselbewegung des Kopfes schüttelte sie das Haar aus.

Jetzt blieb auch dem tapferen Feldherrn Parmenion, der schon einiges gesehen hatte, die Luft weg. Die Hetaira glich der Frau auf dem Mosaik in Philipps Schlafgemach wie ein Ei dem anderen Ei gleicht. Philipp hatte noch als Knabe von seiner zukünftigen Gemahlin geträumt, die ihm von der Göttin selbst übergeben wurde. Am nächsten Tag gab er ein Mosaik in Auftrag, das die Frau seiner Träume für immer festhalten sollte. Nachdem das Mosaik vielmals geändert werden mußte, war Philipp endlich mit dem dort festgehaltenen Bild einverstanden. Diese Frau wird einmal die meine sein, hatte er stolz verkündet.

Parmenion stieß einen Laut der Überraschung aus: „Das ist ja die Frau von dem Mosaik!“ Antipatros stieß ihn an und forderte ihn auf diese Weise zum Schweigen auf.

Philipp und Olympias standen versunken und in sich verloren, ehe sie sich mit einer spürbaren Anstrengung voneinander lösten, Blicke und Hände entflechten konnten.

„Wer bist du Hetaira?“ fragte Philipp.

Ihre Stimme war belegt, ein wenig aufgerauht, wie mit der stumpfen Seite einer Klinge berieben. „Olympias, Tochter des Neoptolemos und Nichte Arybas.“
Ein Lächeln zuckte über Philipps Gesicht. „Könige der Molosser?“

Olympias nickte.

„Dann darfst du helfen!“ Philipp schrie diesen letzten Satz. Aristandros zuckte zusammen und Parmenion warf Antipatros einen Blick zu. Jedoch hielten sich die Freunde diesmal zurück und ließen Philipp gewähren.

Philipp fuhr fort: Ich bin Philipp. Der Vater meines Geschlechtes ist Herakles; die Fürsten der Molosser, die deine Väter sind, stammen ab von Neoptolemos, der zuerst Pyrrhos hieß – der Sohn, den Achilles mit Deidameia zeugte. Eine wahrhaft königliche Verbindung. Was sagst du Hetaira?“

„Ich bin eine Priesterin Amuns“ Olympias sah Philipp fest in die Augen „und ich werde dir einen Sohn gebären, der Ägypten befreien wird, der den Makedonen ein gerechter Herrscher ist, sie zu Ruhm und Ehre führen wird und Verkünder des Friedens und der Einigkeit in ganz Hellas ist. Wie es die Welt noch nicht gesehen hat; ein Griechenland ohne Bruderkriege, regiert von einem Pharao, der in Ägypten gesalbt, jedoch ein Makedone ist – und der, so wie ich auch, die Zeit seiner Leben treu zum Tempel der Göttin stehen wird. Es liegt an dir Philipp, ob du diesen Pakt eingehen willst. Bist du bereit dich mit mir und damit mit dem Tempel der Göttin zu verbinden? Bist du bereit treu zu diesem Plan zu stehen und den Weg für deinen Sohn zu bereiten? Das ist deine Seite des Paktes, die du einzuhalten schwören mußt!

„Bringt das Brot“ Philipp rief es den vier Priestern zu „wir wollen es gemeinsam brechen und unsere Ehe gleich hier und jetzt vollziehen“.

„Du schwörst also, dich an diesen Pakt zu halten und deine beiden Freunde hier, werden darüber schweigen?“

„So ist es!“ antworteten die drei wie aus einem Mund.

„Dann wirst du schon im nächsten Jahr der rechtmäßige König deines Landes sein und der Tempel unterstützt die Verbindung zwischen dir und Olympias, als deiner Königin, und segnet sie.“ Aristandros sprach sehr feierlich und langsam, als er diese Sätze über seine Lippen brachte.

Der Ägypter reicht Philipp und Olympias das Brot.

Philipp spricht: „Du weißt was das bedeutet, Prinzessin der Molosser, die meine Königin sein wird?“

„Ich weiß es Hetairos, mein Gefährte“, Olympias blickt Philipp fest in die Augen und ergreift dabei das Brot.

Philipp sagt halblaut: „Antipatros.“

„Ich höre.“

„Deine Hände, Hüter Makedoniens.“

Antipatros zögerte nicht länger als ein Blinzeln dauert. Sein Entsetzen über den Anblick der Frau, die mit dem Mosaik in Philipps Schlafgemach identisch zu sein schien, wog geringer als das Vergnügen über die Entwicklung der Dinge, wie sie hier im Tempel geschahen. Er nahm die linke Hand Olympias und legte sie in die rechte Hand seines Herrschers. „Den Segen der Götter, die Treue des Volkes, gute Stunden und zahlreiche Kinder!“ sagte er mit fester Stimme.

Nun schritt Aristandros, der Hohepriester Makedoniens, dazu und legte seine beiden Hände auf diesen Bund: „Hiermit segne ich dieses Bündnis und der Tempel behütet euren Eid. Ihr seid von nun an gleichberechtigte Gefährten, unabhängig von eurem weltlichen Rang und Titel.“ Aristandros legte ein Band um beider Hände, welches das zukünftige Bündnis symbolisierte und zog es fest zusammen.

Dann sprach er fort: „Nun vollzieht eure Ehe und zeugt das Gefäß des Pharaos, der mit dem Schwert die Welt pflügen wird, damit gesunde Saat emporsprieße!“

Olympias nahm Philipp bei der Hand und als sie ihn zu Boden drückte, um sich auf ihn zu setzen, sahen es die übrigen Zeugen schon nicht mehr, denn sie hatten diesen inneren Tempelbereich bereits verlassen.

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#8
Besessenheit

Die Morgensonne stand schon etwas höher, als sich Parmenion endlich auf seinem Lager räkelte. Parmenion stand auf, ging ein paar Schritte hin und her, klopfte den Sand von seinem Chiton und dachte mit Vergnügen an die gestrigen Ereignisse. „War das eine Hochzeit!“ Parmenion schmunzelte. „So als wenn beide seit Beginn der Welt aufeinander gewartet hätten“. Dann lachte Parmenion laut. „Wahrscheinlich dröhnt der Tempel noch immer von ihren Lustschreien!“ Makedoniens oberster Feldherr grinste in sich hinein und lenkte seine Schritte in einen Nebenraum, welchen er zum Arbeitszimmer hergerichtet hatte; setzte sich gutgelaunt auf einen Stuhl und rief einen Sklaven herbei. Auf dem Stuhl sitzend fiel sein Blick auf das Porträt seiner Frau, welches seinen Schreibtisch schmückte. Parmenion erinnerte sich an seine eigene Hochzeit, dachte an seine Frau und an seine zweitälteste Tochter Nikele, die seiner Frau so ähnlich sah, wie sonst keines seiner 5 Kinder.

Der Sklave trat herein, und während dieser den Tisch für den obersten makedonischen Heerführer richtete und deckte, betrat der wachhabende Offizier Parmenions Arbeitsraum. „Sprich Silenos, was gibt es zu berichten“ befahl ihm Parmenion mit einem Gähnen.

„Ich wollte euch gestern nicht stören, mein Feldherr.“ berichtete der Offizier. „Gerade als die Vermählungszeremonien im Gange waren, haben wir einen Mann aufgegriffen. Er sprach wie im Fieberwahn und meinte, daß er die Hochzeit unbedingt verhindern müsse. Notfalls würde er die Braut, die neue Königin, ermorden. Das Glück der Welt, das Schicksal Makedoniens würde davon abhängen – hat er behauptet. Er bat die Soldaten der Wache, ihn dabei zu unterstützen und bot ihnen zahlreiche Goldstücke für ihre Hilfe an. Wir haben diesen Mann festgehalten, und meine Männer haben ihn dingfest gemacht. Momentan wird dieser Attentäter scharf bewacht.“ Der Wachoffizier schaute nun etwas verlegen.

„Was gibt es noch Silenos?“ herrschte ihn Parmenion an.

„Er hat wirr geredet, mein Herr. Er hat Absurditäten behauptet.“ stammelte der Offizier.

„Nun raus mit der Sprache!“ befahl Parmenion „Was hat er gesagt!“

„Er hat behauptet, daß er ein Verwandter von euch, mein Feldherr Parmenion sei.“

„Wie heißt der Mann?“ Parmenion war sichtbar erregt.

„Er hat gesagt, er kommt aus Avaris und sein Name wäre Sutech von den Ramessiden. Aber er sah nicht aus wie ein Ägypter, er trug die Kleidung eines makedonischen Adligen.“

„Ich kenne niemanden mit diesem Namen.“ Parmenion war wieder beruhigt. „Ist der Gefangene wach und ansprechbar?“

„Ja, mein Herr. Soll ich ihn zu euch bringen?“ fragte Silenos erleichtert.

„Bring ihn zu mir.“ befahl Parmenion.

Wenige Minuten später brachte die Wache einen Mann vor Parmenion, der ihm wohlbekannt war. Es war sein Schwiegersohn, der makedonische General Attalos. Attalos war mit Nikele verheiratet, Parmenions zweitältester Tochter – an die Parmenion gerade vorhin beim Anblick des Bildes seiner Frau hatte denken müssen.

„Attalos! Bist du von Sinnen!“ Parmenion hatte die Beherrschung verloren.

„Wie komm ich hier her?“ stammelte der Angesprochene „Wo sind wir überhaupt?“

„Du bist hier auf der Insel Samothrake, und mein wachhabender Offizier berichtet mir gerade, daß man dich ergriffen hat, weil du die Königin ermorden wolltest!“ Parmenion war außer sich, und mit Zornesröte schrie er seinen Schwiegersohn an. „Was geht in dir vor, und warum ziehst du mich da mit hinein?“

Attalos schaute wie von Sinnen und versuchte sich zu erinnern: „Das letzte was ich weiß ist, daß ich mit meiner Frau Nikele, die deine Tochter ist, über die Religion der Hebräer gesprochen habe. Ein Freund brachte mir ein entsprechendes Amulett. Ich habe es gerade betrachtet und dann …“ Attalos kniff die Augen zusammen „… dann bin ich plötzlich hier aufgewacht, umzingelt von makedonischen Soldaten.“

„Willst du mir weißmachen, du wüßtest von nichts?“ Parmenion war noch immer sichtbar erregt. „Wachhabender, lasse sofort den Priester Aristandros holen und sowie dieser eingetroffen ist, berichte uns allen gemeinsam, was du mir vorhin berichtet hast.“

Parmenion und Attalos starrten sich einige Minuten schweigend an. Gedanken rasten durch Parmenions Kopf. „Nein, Philipp wird nicht glauben, daß er Parmenion, sein getreuer Feldherr und langjähriger Freund irgendetwas mit diesem Anschlagsversuch zu tun hätte. Zu fest war das Band zwischen ihnen. Wenn Parmenion die Hochzeit hätte verhindern wollen, dann hätte er gestern im innersten Heiligtum des Tempels alle Gelegenheit dafür gehabt. Er hätte der Hilfe des Attalos nicht bedurft.“ Diese Gedanken beruhigten Parmenion wieder, denn er wußte, daß auch Philipp diese Angelegenheit so betrachten würde.

Dann endlich kam Aristandros herbeigeeilt. Er sah Parmenion und Attalos kurz an. „Was ist denn los?“

Parmenion blickte den Wachhabenden an, und dieser berichtete erneut von dem Mann aus Avaris, der sich Sutech von den Ramessiden nannte und die neue Königin ermorden wollte. „Das ist dieser Mann.“ sagte der Wachhabende abschließend und deutete auf Attalos.

„In dich Attalos ist er also gefahren, hat dich Inbesitz genommen, um den Bund zwischen Phillip und dem Tempel, für den die Priesterin Olympias steht, zu verhindern.“ Aristandros flüsterte es scharf, aber fast unhörbar.

Parmenion schaute fragend. „Was hat das zu bedeuten?“

„Sutech von den Ramessiden“ fuhr Aristandros fort „ist einer der vielen Namen des Sethus. Sethus ist der Verräterpriester, der Anführer aller übrigen Verräterpriester. Sie wollen die alte Religion und alles Ehrenwerte vernichten, um ihre eigene Religion mit einem einzigen allmächtigen aber unsichtbaren G*tt an der Spitze dieser Religion zu etablieren.“

„Wer wird denn schon an einen „Unsichtbaren“ glauben wollen“ spöttelte Parmenion zu Aristandros gewandt.

„Die Hebräer tun es bereits und auch wenn momentan die Perser die größere Gefahr für uns sind, das kommende dunkle Zeitalter der Fische gehört dem unsichtbaren G*tt – und der Fisch wird ihr Zeichen sein. Daran wird man ihn und seine Anhänger erkennen.“ prophezeihte Aristandros, den man auch „den Seher“ nannte“.

Parmenions Gesicht war düster. „Das Hebräer-Amulett … … Attalos hat es gerade erwähnt. Er hat es betrachtet und dann kann er sich an Nichts mehr erinnern. Erst wieder hier, als meine Wache ihn aufgegriffen hat, ist er zu Sinnen gekommen.

Aristandros grübelte und flüsterte einem der Wachsoldaten etwas ins Ohr. Der Wachsoldat schaute kurz zu Parmenion und als dieser nickte, verließ der Soldat den Raum.

Der Priester wandte sich zu Parmenion. „Dieses Amulett, wir nennen es einen Transmitter oder einen Überträger, so etwas dürfen nur geschulte Priester berühren. Merke dir das Parmenion!“ Aristandros Worte wurden nachdrücklicher. „Niemals fasse etwas Entsprechendes an. Es sei denn, daß es dir selbst gehört und speziell für dich von unserem Tempel geweiht wurde. Dann schützt es dich. In jedem anderen Fall wird dir ein Schaden zugefügt oder du bist plötzlich nicht mehr der Herr deiner Sinne.“ Aristandros deutete während seiner letzten Worte auf den stumm dastehenden Attalos.

„Sethus ist gefährlich“ fuhr Aristandros fort „den Einfältigen verführt er ebenso wie den Gierigen und diesen auf die gleiche Weise wie den Liebenden, den Wütenden oder den Prahlerischen. Sethus macht sich die Schwächen und die Emotionen der Menschen zu Nutze und verwandelt sie auf diese Weise zu seinen Werkzeugen. Diese Menschen sind dann nicht mehr sich selbst, sondern der Geist und der Wille des Sethus lenken sie. Sie sind besessen und ihre Körper gehorchen den Befehlen des Sethus, der sie lenkt und zu Taten und Handlungen anstiftet. Hat der Körper seine Arbeit erledigt, dann ist er für Sethus nutzlos geworden. Er verläßt sodann diesen Körper und der frühere Mensch, dessen Geist solange von Sethus unterdrückt wurde, kehrt wieder zurück. Dieser Mensch kann sich dann an nichts mehr erinnern oder seine Handlungen erscheinen ihm als unreal; wie eine Art von Traum. Dieser Mensch muß dann aber vor Gericht die Taten verantworten, die ihm der fremde Geist eingebrockt hat. Die Gerichte des Königs verurteilen den Körper, aber der Körper war nur ein Werkzeug. So als wolle man das Messer für einen Mord verurteilen und nicht den Totschläger, der das Messer lenkte.

„Oder wie Soldaten, die den Befehl ihres Heerführers gehorchen müssen und nicht dem eigenen Willen.“ unterbrach ihn Parmenion. „Ich verstehe was du mir sagen willst, o Aristandros.“

Parmenion war plötzlich sehr nachdenklich. Immer wieder bohrte Parmenion die Finger in den weißen trockenen Sand an der Fensterbank, füllte die Hände, hob sie und ließ Sand rieseln. „Gefällt mir nicht – nein, mag ich nicht.“ Es waren weniger deutliche unterscheidbare Wörter als vielmehr ein heiseres Knurren.

Der ägyptische Priester, der bei der gestrigen Eheschließung an der Seite von Olympias gestanden hatte, betrat nun den Raum. Er war in der Begleitung des Soldatens, den Aristandros vorhin weggeschickt hatte. Urplötzlich stürzte sich Aristandros nun auf Attalos, schob ihm einen Pilz zwischen die Zähne und zwang ihn, diesen herunterzuschlucken. Gleichzeitig sprang der Ägypter auf Attalos zu, hielt ihm eine Art Siegelring auf das Stirnzentrum und legte seine rechte Hand oben auf den Kopf des Attalos. Dazu murmelte er einen Spruch in der alten ägyptischen Sprache.

Antipatros betrat den Raum, als Attalos gerade zu Reden begann: „Die Welt wurde nicht in Gang gesetzt um deine Billigung zu finden, o Parmenion!“

„Bah!“ Parmenion warf eine Handvoll Sand nach seinem Schwiegersohn. „Ich brauche deine korrupten Weisheiten nicht, Verräter!“

„Es ist nicht Attalos, der da redet!“ fuhren ihn Antipatros und Aristandros gleichzeitig an. Dann fuhr der Priester fort: „Durch einen Körper, der einmal von Sethus besessen gewesen ist, kann man einen erneuten Kontakt zu Sethus herstellen. Sethus hat den Faden nicht durchtrennt, weil er wohl glaubt, daß ihm der Körper noch einmal nützlich sein könnte. Sein Werk ist also noch nicht vollendet, das Werkzeug hat noch nicht ausgedient. Genau das, machen wir uns aber zu Nutze und hören uns an, was Sethus in Attalos gespeichert hat."

Attalos, der jetzt Sethus war, fuchtelte mit der Hand und herrschte Parmenion an. „Phillip hat sie als Königin und Fürstin der Makedonen bezeichnet, ja? Seine vierte Frau, mit deiner tätigen Mitwirkung, du unwürdiges Windbeutelgehirn.“

Parmenion schob seinen Helm in den Nacken. „Zu freundlich; allzu freundlich.“

Attalos fuhr fort: „Der Sohn, der gestern gezeugt wurde, der wird dich vernichten, Parmenion!“

Parmenion grinste. „Das beruhigt mich ungemein, denn dann habe ich noch viele Jahre vor mir. Es wird dauern, bis der Knabe herangewachsen ist. Dann bin ich längst ein alter Mann. Er wird mir einen Gefallen tun, wenn es tatsächlich so kommen sollte.“

„Er wird dich vernichten! Dich und deine Söhne!“

Parmenion warf seinem Schwiegersohn einen mitleidigen Blick zu.

Attalos fuhr fort: „Aber ich werde dir helfen, ich werde es nicht zulassen. Der Sohn von Philipp und Olympias soll nicht König werden. Dafür sorge ich und ihr werdet mir dabei helfen!“

Aristandros schaute auf. „Das wirst du nicht verhindern und niemand hier wird dich unterstützen!“

„Habt ihr unwissenden Narren euch nie gefragt, was da vor sich geht.“ redete Sethus in Attalos weiter. „Die Priester haben ausgerechnet sie als Hetaira für Philipp ausgesucht. Olympias von Epirus, Tochter des Neoptolemos, Nichte von Arybbas, der in Epeiros herrscht, solange Olympias’ Bruder Alexandros zu klein dazu ist. Sie muß lange gut vorbereitet worden sein. Und sie sieht aus wie diese Frau auf dem Mosaik, in deren Anblick sich Philipp verliebt hatte.“

„Woher weißt du das?“ fuhr ihn Parmenion an.

„Zu viele Zufälle, nicht wahr?“ fuhr Sethus in Attalos ungestört weiter fort. „Und dann hat sie auch noch das gleiche Amulett, wie es diese Frau auf dem Bild trägt.“

Parmenion erstarrte. „Was für ein Amulett?“

Attalos’ Hände malten die Umrisse in den Sand. „Aus Gold, wie es sich gehört. Ein ägyptisches Ankh, Zeichen für Lebenskraft und das Udjat-Auge, das Falkenauge des Horus. Zeichen für Weitsicht, Hellsicht, Voraussicht für Fruchtbarkeit und Macht!“

„Beide Zeichen sind alt und altbekannt.“ sprach Antipatros dazwischen.

„Aber das Auge in der Schleife des Ankh, seit wann bringt man sie zusammen, und was bedeutet es?“ fuhr Sethus in Attalos fort und streute Zweifel in die Herzen der makedonischen Anführer. „Eure neue Fürstin trägt es und ihr Beschäler, dieser Halbägypter dort“ Attalos deutete auf den Ägypter „der trägt es ebenfalls.“

Parmenion sah den Ägypter kurz an und sah dann auf das beschriebene Zeichen. „Es ist ein Schmuck, was ist schon dabei?“

„Nein Parmenion,“ fuhr Sethus in Attalos fort „es ist mehr als ein Zeichen. Es ist die alte schädliche Magie, vor der ich euch bewahren will. Töte diese beiden Priester Parmenion, befreie mich und gemeinsam mit Philipp werden wir Makedonien aus den Klauen dieser Priesterschaft retten! Sie sind keine Makedonen, sie alle sind Ägypter, die euch Makedonen beherrschen und versklaven wollen.“

„Und auch du bist ein Ägypter.“ lachte der makedonische Heerführer. „Ein Ägypter, der gerade den Körper eines Makedonen, nämlich den meines Freundes und Schwiegersohnes Attalos beherrscht und versklavt.“

„Ich handle in eurem Interesse! Wie könnt ihr das übersehen?“ sagte Sethus in Attalos.

„So völlig uneigennützig also?“ lachte Parmenion.

„Das gewiß nicht“ warf Sethus schlau dazwischen. „Mein Ziel ist es, die alte, untaugliche Religion abzuschaffen und die Priester, die euch das Geld aus der Tasche ziehen zu bestrafen. Wie lange wollt ihr diesen Dummschwätzern noch dienen? Erkennt endlich die Wahrheit!“

„Und die wäre?“ fragte Antipatros dazwischen.

„Es gibt nur einen einzigen G*tt, einen männlichen G*tt, der alles erschaffen hat, und die Frau muß dem Manne dienen und darf nicht Priesterin sein. Das ist G*tteslästerung! Die Priester lügen euch an, um ihres eigenen Reichtums willen. Sie leben hier auf Samothrake in Reichtum und in Palästen, schöner und besser als es sich in der Hauptstadt eures Königs leben läßt! Nennt ihr das richtig?“

Niemand sagte ein Wort.

Sethus in Attalos sprach weiter. „Ihr wißt, daß es so ist, ihr seid die Marionetten dieser Priester, denen ihr den zehnten Teil eures Geldes abtreten müßt, ohne daß die priesterlichen Ausbeuter dafür etwas tun müßten. Ihr schuftet und riskiert in der Schlacht euer Leben, und sie faulenzen den ganzen Tag, und ihr gebt ihnen dafür noch euer Geld!“

„Die Priester tun sehr viel“ unterbrach ihn Parmenion. „Sie sorgen für gute Ernten, den Sieg in der Schlacht und sind die Behüter aller Weisheiten seit Anbeginn der Zeit!“

„Was weißt du von der Zeit, dummer General“ fuhr Sethus in Attalos den Feldherren an. „Ich habe die Zeit gemacht und erfunden, ohne mich gäbe es kein Gestern und kein Morgen. Pflanzen wachsen auch ohne Priester, und der Regen wird auch noch fallen, wenn Aristandros, diese Krähe endlich getötet worden ist. Ich bin der Einzige, der diese Welt erretten kann, der euch erretten kann. Dient mir, und ihr werdet belohnt werden! Als erstes bringt diese beiden Priester da um! Beide sind miese und hinterhältige Krähen, wenn es je unter diesen Priestern etwas anderes gab.“

„Es reicht jetzt“ fuhr Antipatros dazwischen.

Aristandros und der Ägypter ließen von Attalos ab, der wie ein nasser Sack zusammenbrach.

„Könnt ihr irgendetwas tun, um den bösen Geist aus Attalos zu vertreiben?“ fragte Parmenion die beiden Priester.

„Er soll diesen Ring ein Leben lang tragen, dann wird er vor Sethus geschützt sein“. Der Ägypter steckte Attalos einen Ring wie eine Schlange auf den mittleren Finger der rechten Hand, und die Schlange, es schien als sei sie plötzlich lebendig, legte sich so eng um den Finger des Attalos, daß sich der Ring niemals wieder abstreifen lassen würde.

„Und jetzt schwört“ forderte Aristandros alle Anwesenden auf „bei dem Einsatz eures eigenen Lebens zu verhindern, daß Sethus in Attalos seine Pläne jemals umsetzen kann. Das ist ein heiliger Schwur, den ihr dem Tempel leistet. Ihr seid verpflichtet Attalos auf der Stelle zu töten, sollte sich jemals wieder ein Anzeichen von Sethus in ihm zeigen! Und niemals wird ein Wort über das hier Geschehene mit Attalos gesprochen. Außer dem König soll es niemand weiter erfahren. Schwört es jetzt!“

„Wir schwören es!“ sprachen die sieben Männer – Parmenion, Antipatros, der Wachoffizier Silenos, zwei Soldaten und die beiden Priester wie aus einem Mund.


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#9
Träume und Geheimnisse

„Wird es unser Geheimnis bleiben?“ Olympias räkelte sich auf dem gemeinsamen Nachtlager und reichte Philipp einen Becher frischen Wassers.

Philipp nahm mit beiden Händen den Becher von Olympias entgegen. Mit steifen Schritten ging er zur steinernen Bank und ließ sich ächzend auf das Bärenfell fallen. „Parmenion und Antipatros haben mir die Geschichte vom ahnungslosen König jedenfalls abgekauft …“ lächelte Philipp „… nur Aristandros und andere der Priester hier auf Samothrake wissen um unser Geheimnis.“

„Sie werden schweigen.“ Olympias sah Philipp mit bewundernden Blicken an. Philipp war nicht nur König der Makedonen, sondern auch ein außerordentlich gutaussehender junger Mann von 25 Jahren. Olympias begann Gefallen an dieser Aufgabe zu finden, die ihr vom Tempel auferlegt worden war. „Es sind Priester, sie haben ein Schweigegelübde abgelegt und würden niemals die Pläne des Tempels durch unbedachte Reden gefährden.“

„Du hast Recht“ pflichtet Philipp ihr bei. Auch er betrachtete Olympias, seine Königin, in die er sich bis über beide Ohren verliebt hatte. „Aber da wäre noch …“ Philipp holte Luft.

„… Arybbas, mein Onkel“ unterbrach Olympias ihn.

„Ja, aber ohne seine Hilfe hätte ich wohl kaum deine Gunst gewinnen können.“ Philipp sprach mit Olympias zum ersten Mal über die vielen Tage, an denen er mit Arybbas redete, um ihn auf seine Seite zu ziehen. Arybbas willigte schließlich ein und gewann Olympias für Philipp.

„Meinst du ich habe nicht gemerkt wie du mich angesehen hast?“ Olympias erhob sich aus dem Ehegemach und ging hinüber zu Philipp, der noch immer auf dem Bärenfell saß.

Philipp liebkoste seine Frau und küßte sie auf ihre nackten Brüste. „Deinen wachen Blicken entgeht aber auch gar nichts?“

Olympias lächelte. „Vielleicht wäre es gar nicht nötig gewesen meinen Onkel zu bemühen?“ neckte Olympias Philipp. „Vielleicht wollte ich nur genießen, wie sich ein König der Makedonen um mich, Olympias das Waisenkind, bemüht?“

„Jetzt stapelst du tief“ schnaufte Philipp und nahm noch einen Schluck Wasser aus dem Becher. „Du magst zwar eine Waise sein, aber Aiakos, der der Großvater des Achilles ist und Neoptolemos, der Sohn des großen Achilles, haben dein Geschlecht begründet.“

„Das beeindruckt dich?“ provozierte ihn Olympias.

„Pah!“ Philipp rammte den Becher auf die Tischplatte und grinste seiner Königin zu. „Ich selbst stamme durch Karanos von Herakles ab, bin also ein würdiger König für meine Gemahlin!“

„Ja das bist du“ lächelte Olympias und sah Philipp dabei lüsternd zwischen die Beine. „Ohne jeden Zweifel ein würdiger Gemahl in allen Belangen“ schmunzelte sie. Dann küßte sie Philipp und verschwand mit ihrem Kopf an die Stelle, die sie gerade noch so lustvoll angesehen hatte. Während sich Philipp genießend zurücklehnte war sich Olympias indes sicher, daß Philipp nicht ahnte, daß ihre Hochzeit schon seit Jahren vom Tempel vorbereitet wurde. Ohne daß es große Aufmerksamkeit erregt hatte, war Philipp bereits vor einem Jahr hier auf Samothrake erschienen. Olympias bildete ihn persönlich in den wichtigsten Belangen der Mysterien aus und Philipp verliebte sich – wie vorgesehen – in seine junge, damals gerade 18jährige Lehrerin. Auch Arybbas, Olympias Onkel war nicht eingeweiht, und Olympias erinnerte sich, wie amüsiert sie dieses Spiel beobachtete, in dem sich Philipp und auch Arybbas verfingen. Sie waren letzten Endes Puppen, wenn auch wichtige Puppen, da ihnen eine Hauptrolle im folgenden Spiel zukommen sollte. Selbst Philipps Traum, nach dessen Bild er das Mosaik seiner zukünftigen Frau anfertigen ließ, war von den Priestern Samothrakes inspiriert, lange bevor Philipp jemals seinen Fuß auf die Insel gesetzt hatte.

Über alle diese Dinge hatte Olympias zu schweigen gelobt. Ihre Loyalität galt dem Tempel, denn sie wußte wie wichtig die Durchsetzung dieser Belange, wie wichtig die Befreiung Ägyptens von der Persern ist. Was ist schon ein einziges Leben in einer Reihe so vieler Inkarnationen? Und überhaupt: Olympias gefiel diese Aufgabe, und auch König Philipp gefiel ihr jeden Tag mehr. Sie mußte sich tatsächlich schon vorsehen, daß sie sich nicht wirklich in ihn verliebte und ihm damit verfallen wäre. Das aber würde – trotz aller Sympathie – nicht geschehen. Olympias wurde über die Jahre in Samothrake genau darin trainiert und hatte nur ein Ziel vor Augen: den Sohn zu gebären, der Ägypten befreien und dem alten Glauben, der Religion der großen Muttergöttin, neues Gewicht verleihen würde. Ares persönlich würde inkarnieren müssen, um diese gewaltige Aufgabe zu bewältigen. Persien war mächtig, sehr mächtig, und nur ein Kriegsg*tt würde es bezwingen können.
Philipp war ein nützliches Werkzeug, aber er hatte versprochen zu helfen, war sich seiner Rolle also bewußt. Olympias glaubte ihm sein Versprechen, auch wenn Aristandros und der Ägypter warnten, daß Sethus auf dem Weg zu Philipp wäre, um ihn herumzudrehen. Genau darauf würde Olympias aber achten, und sie beschloß, Philipp von sich und ihren Liebeskünsten abhängig zu machen, so daß Philipp niemals auf jemand anderen hören würde als auf sie – Olympias, Nachfahrin des Achilles.

Seitdem war ein Jahr vergangen, und Philipp selbst hatte sich die Komödie ihres überraschenden Kennenlernens ausgedacht, obwohl sie bereits seit einem halben Jahr miteinander verlobt gewesen waren. „Es wäre nötig“ hatte Philipp gesagt, „sonst geriete der Tempel auf Samothrake ins Visier seines Geheimdienstes, unter die argwöhnischen Augen des Antipatros und seines Spionageapparates.“ Olympias und der Tempel hatten eingewilligt. Philipp war ein Mann für den alles so aussehen mußte, als würde er selbst der Denker und Lenker hinter den Vorgängen und Ereignissen sein. Vor allem war es wichtig, daß es nach außen so erschiene, denn auch darauf fußte die Macht des makedonischen Königs.

Philipps Schnaufen wurde heftiger, und plötzlich stöhnte der König genußvoll auf – Olympias wußte, daß sie diesen Mann im Griff haben würde. Olympias ließ ihre Zunge noch eine kleine Weile kreisen, dann erhob sie sich und griff nach dem Becher mit dem Wasser, von dem sie jetzt einen kräftigen Schluck nahm. Auch Philipp trank, gluckste und trank noch einmal. „Ja, es wird unser Geheimnis bleiben, und auch Arybbas hat es mir auf die Hand versprochen! – aber …“ und Philipp sah zuerst auf sein nun schlaff herunterhängendes Glied und dann auf Olympias Mund, mit dem sie ihn eben noch liebkoste: „Wollten wir nicht einen Krieger zeugen, der Ägypten befreit? Ich glaube, daß das auf solche Weise nicht funktioniert“ lächelte Philipp verschmitzt und wollte mit dem Reden fortfahren ...

„Das ist schon längst passiert, gestern im Tempel während der Zeremonie“ unterbrach ihn Olympias, die sich nun ankleiden wollte und deshalb nach der Sklavin rief.

Die Sklavin erschien sofort, aber Philipp schickte sie mit einer Handbewegung wieder hinaus. „Wie kannst du dir da so sicher sein?“ bohrte Philipp nach.

Olympias ging zu Philipp hinüber, sah ihm fest in die Augen und sagte: „Eine Priesterin weiß um solche Dinge. Außerdem habe ich in der Nacht vor unserer Eheschließung geträumt, daß es zuerst donnerte und mir danach ein Blitz in den Leib geschlagen ist. Von dem Schlag entzündete sich ein heftiges Feuer, das in hellen Flammen aufloderte, nach allen Seiten hin um sich griff und dann verlöschte.

Philipp sah seine Frau an, als ob er sich vor ihr fürchtete. „Was hast du?“ fragte ihn Olympias.

„Es ist nichts“ antwortete Philipp. Dennoch fröstelte ihn vor den Hexenkünsten seiner Königin, die er während seiner Einweihung in die Mysterien kennengelernt hatte. „Wir sollten einen der Seher fragen, was dieser Traum zu bedeuten hat.“

Olympias klatschte die Sklavin herein. „Tue das“ sagte sie zu Philipp gewandt „… und du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten, solche Künste und Eigenschaften sind normal, sie sind den heutigen Menschen nur abhanden gekommen. Zu Zeiten des goldenen Atlantis gab es niemanden, der diese Dinge nicht beherrschte.“

Damit war das Gespräch beendet, denn Parmenion und Aristandros verlangten Philipp zu sprechen, um ihm über den Vorfall mit Attalos zu berichten. Philipp küßte Olympias auf den Mund und hauchte ihr ein: „Ich fürchte mich vor nichts“ ins Ohr, bevor er den Raum verließ, um sich seinem obersten Feldherrn und seinem obersten Priester zuzuwenden.

Entweder man findet einen Weg oder man schafft einen Weg!
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Träume, Ängste und Besitzansprüche

Philipp schlief unruhig in dieser Nacht. Er wälzte sich im Traum mal auf die eine, dann auf die andere Seite. Im Traum erschien ihm Olympias und sagte ihm, daß genau 13 Tage seit der Hochzeit vergangen wären und daß er ihr und dem Tempel einen Eid geschworen habe, an welchen er lebenslang gebunden sei. Philipp erwiderte, daß er das Versprechen nur gab, um sie als Frau zu bekommen. Er sagte zu ihr: Du gehörst jetzt mir und keinem dieser Priester mehr! Ich bin dein König und ich will dich ewiglich besitzen. Es soll dein Schaden nicht sein, Olympias; ich achte die Priester, aber meine Frau will ich für mich allein besitzen! Olympias wandte sich mit einem enttäuschten Gesichtsausdruck ab und ging von Philipp weg. Philipp verfolgte sie in seinem Traum, griff Olympias an den Armen, und dann nahm er sein Siegel und drückte es Olympias auf den Leib. Er sah zu, wie das Siegelwachs sich verfestigte und, so schien es ihm, war ein Löwe darauf abgebildet.

Als Philipp erwachte schien der Traum noch immer so real, so wirklich, daß er sich zu fürchten begann, was der Traum wohl zu bedeuten hätte. Also befahl Philipp an diesem Morgen zuerst einige Wahrsager zu sich. Er ging jedoch mit Absicht nicht zu Aristandros, da er plötzlich mutmaßte, daß dieser mit Olympias gemeinsame Sache gegen ihn machte. Das schien ihm plötzlich klar, und so war der erste Keim des Mißtrauens gesät. Philipp begann in diesem Augenblick damit, an Olympias und an Aristandros, dem obersten Priester Makedoniens zu zweifeln. Die Ursache dieser Zweifel waren jedoch sein Besitzanspruch an Olympias, seine Angst sie zu verlieren und sein Ego, daß er als König nur ein kleines Rädchen im Getriebe der Priester sei und nicht der Mittelpunkt aller Politik und die wichtigste Person, um die sich alles zu drehen hat.

Als die Wahrsager und Traumdeuter kamen, bestärkten sie Philipp in seinen Ansichten und Ängsten und sagten zu ihm: Er müsse besser auf Olympias aufpassen. Der Traum will ihm sagen, daß Olympias sich von ihm abwenden wird, wenn er sich nicht von Olympias beherrschen lassen will. Olympias strebt nach der Oberhand, und auch die Priester versuchen Philipp zu manipulieren.

Philipp war nun in großer Sorge. Langsam und zögernden Schrittes ging er auf und ab und setzte sich auf einen Stuhl. Er verschränkte die Arme hinter seinem Nacken und überlegte. Dann faßte er sich ein Herz, sprang plötzlich auf und ging schnurstracks den Weg, der zum Quartier des Aristandros führte. Der Priester empfing ihn freundlich, und Philipp erzählte ihm sowohl seinen nächtlichen Traum als auch das, was ihm die Wahrsager dazu interpretiert hatten. Aristandros lachte aus ganzem Herzen.

"Philipp, König der Makedonen, die besten Priester des Reiches stehen dir zur Verfügung, und du suchst mittelmäßige Wahrsager und zweifelhafte Sternendeuter auf, um etwas über deine Träume zu erfahren?"

Philipp blickte in Aristandros' Augen und beschloß den Priester zu prüfen. "Dann sage mir, Aristandros aus Telmessos, was ein solcher Traum zu bedeuten hat: Ein Freund und alter Waffengefährte träumte, daß ihm seine oberen Zähne ausfielen und daß er alleine mit der unteren Zahnreihe kauen müßte. Einzig die beiden oberen Eckzähne blieben erhalten. Er konnte diese Eckzähne jedoch nur dann im Spiegel erkennen, wenn er die Oberlippe mit seinen Händen nach oben zog."

Aristandros war zu klug, um nicht zu bemerken, daß es sich um eine Prüfung des Königs handelte und daß der vermeintliche Freund wohl der König selbst wäre. Da Philipp ihm diese Frage stellte, schien es also so, daß Philipp die Bedeutung des Traumes bereits kannte bzw. sie im Leben erfahren hatte.

Er antwortete Philipp: "Was die Deutung der Zähne anbetrifft, verhält es sich damit folgendermaßen: Die oberen Zähne weisen auf die Bessergestellten und Standespersonen im Haus des Träumenden hin, die unteren auf die kleinen Leute. Man hat nämlich den Mund als ein Haus und die Zähne als die Menschen im Haus aufzufassen; dabei bezeichnen die der rechten Reihe Männer, die der linken Frauen. Von dieser Regel gibt es nur wenige Ausnahmen, z. B. wenn ein Bordellbesitzer nur Frauenzimmer oder ein Landwirt nur Männer in Dienst genommen hat. Bei diesen bedeuten die rechten Zähne die älteren, die linken die jüngeren Männer oder Frauen.

Ferner bezeichnen die sogenannten Schneidezähne, d. h. die Vorderzähne, die ganz jungen Leute, die Eckzähne Personen von mittlerem Alter, die Backenzähne die bejahrten. Welcher Art der Zahn ist, den einer zu verlieren träumt, dementsprechend wird er den Verlust eines Menschen beklagen, dessen Symbol er ist. Da die Zähne aber nicht nur Menschen, sondern auch das Hab und Gut bedeuten, hat man die Backenzähne auf die Kostbarkeiten, die Eckzähne auf die weniger wertvollen Gegenstände, die Schneidezähne auf die Hausgeräte zu beziehen. Ganz folgerichtig zeigt also ihr Ausfallen den Verlust eines Hab und Gutes an. Sodann bedeuten die Zähne die Lebensbedürfnisse, und zwar die Backenzähne die geheimen und unaussprechlichen, die Eckzähne diejenigen, die nur wenigen Leuten bekannt sind, die Schneidezähne aber die ganz offenkundigen und die durch Wort und Stimme verrichtet werden. Ausfallende Zähne sind somit ein Hindernis in der Befriedigung der entsprechenden Bedürfnisse. Ich müßte nun die genauen Lebensumstände deines Freundes erfahren, um diese grundsätzliche Aussage zu präzisieren."

Philipp schien jedoch zufrieden mit der sehr ausführlichen Antwort des Sehers und brummte nur zustimmend und winkte ab. "Nicht so wichtig mein Freund! Sage mir lieber ganz exakt, was mein Traum zu bedeuten hat – nur deswegen bin ich heute beunruhigt und habe dich aufgesucht."

Aristandros lächelte den König an. "Nichts weswegen du dich sorgen müßtest, großer König der Makedonen. Der Traum bedeutet, daß deine Frau schwanger geworden ist. Du hast das Siegel schließlich auf den Leib Olympias gedrückt. Was aber leer ist, das wird nicht versiegelt! Olympias ist schwanger mit einem Knaben von leidenschaftlicher, löwenhaft kühner Art."

Der König atmete erleichtert auf und fühlte instinktiv, daß diese Deutung der Wahrheit entsprach. Er wußte, daß Aristandros es nicht riskieren würde, ihn auf diese Weise zu belügen. Zu leicht und schnell läßt sich überprüfen, ob Olympias tatsächlich schwanger sei und in 9 Monden wüßte er außerdem, ob der Telemacher mit dem Geschlecht des Kindes recht gehabt hatte. Dann, so sagte er sich selbst, würde er auch dem Priester wieder vollständig vertrauen; Olympias hätte das gewünschte Kind erhalten, er hätte seinen Teil der Abmachung damit erfüllt, und sie würde damit ewiglich nur ihm gehören ...

wird fortgesetzt

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