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Aristoteles und die Waagschalen Alexanders
#1
Aristoteles und die Waagschalen Alexanders

Aristoteles hob einen Becher, hielt ihn Philipp hin. Der König kam langsam zum Tisch, blickte sich um, als müsse er sich davon überzeugen, daß nirgendwo jemand auf der Lauer lag; er ließ sich schwer in den Scherensessel fallen.
“Und was willst du nun tun?”
Philipp trank, wischte sich den Mund mit dem Unterarm ab und rülpste.
“Ich darf nicht anfangen – nicht ganz, jedenfalls. Athen muß den Krieg erklären. Weil Athen immer noch das Herz aller Dinge ist. Wenn ich Athen angreife, stellen sich fast alle Hellenen hinter Demosthenes. Wenn Athen uns den Krieg erklärt, werden viele Hellenen die Notwendigkeit bezweifeln und entweder auf unsere Seite treten oder zumindest nicht Demosthenes helfen. Wir haben es mit Euboia versucht, unsere Freunde dort an die Macht gebracht, kleine Besatzungen in die Städte gelegt. Mehr wäre ein Eroberungskrieg gewesen, den wir gegen hellenische Orte nicht führen dürfen – heute.
Demosthenes hat einen Bund zustandegebracht – nicht für Hellas, nicht gegen Persien, sondern hinter sich und gegen Philipp. Sie haben Eubioa, na ja, befreit; aber sie sind nicht weitergegangen.
Das wäre meine Hoffnung gewesen. Hermias war eine Nebenhoffnung, gewissermaßen, im Vorblick auf Persien. Wie gewisse Fehlschläge in Ägypten.”

Er hob den Becher und schaute Aristoteles über den Rand an.
“Jetzt werden wir sie eben zwingen müssen.”
“Du willst also Byzantion angreifen, wie damals schon geplant?”
“Byzantion, und Perinthos.”

Aristoteles pfiff leise. “Bosporus und Propontis – die ganze Küste! Mit welcher Begründung?”
Philipp grinste breit. “Mit der besten aller Begründungen – zur Verteidigung.
Beide Städte sind mehr oder minder mit Athen verbündet. Von beiden Städten gehen Störungen aus; immer wenn es mir gelungen ist, Thrakien halbwegs zu beruhigen, schüren Athen, Byzantion und Perinthos wieder Unruhen. Es ist schlecht für Makedonien, für Thrakien – sogar Thraker möchten hin und wieder in Frieden ihre Felder bestellen - für Hellas, für den Handel mit den Steppen im Norden. Für alle.”
“Und du meinst, Athen, also das Bündnis des Demosthenes, wird dich angreifen, sobald du Byzantion und Perinthos belagerst?”

Philipp lächelte unendlich sanft und tückisch. “Wenn die Städte fallen, beherrscht Makedonien den ganzen Norden und die Meerengen. Das kann Athen nicht hinnehmen. Und notfalls, wenn Demosthenes sich nicht mit seiner Kriegspolitik durchsetzen kann, werde ich noch ein wenig nachhelfen.”

"Wie, Herr der Makedonen?”
Aristoteles Stimme klang gleichzeitig bewundernd und spöttisch.
“Laß Dich überraschen, Fürst der Philosophen. Parmenion, der mich übrigens bat, dir seine Verehrung und Freundschaft zu Füßen zu legen, ist unterwegs nach Osten, mit den meisten Truppen.“
Philipp kniff die Augen zusammen. “Wir werden ein paar neue Dinger erproben; neue Belagerungsmaschinen und bewegliche Türme, die nicht gleich umfallen, wenn man an ihnen zupft. Polydias – du kennst ihn, glaube ich – hat den Winter über Einzelteile entworfen; sie werden mit Schiffen und Karren dorthin gebracht und zusammengebaut. Parmenion und ich werden zwischen Byzantion, Perinthos, dem großen Fluß im Norden, Istros, und Thrakien für den Fortschritt der Dinge sorgen. Antipatros wird zwischen Illyrien und Thessalien hin und her wandern, in tiefer Nachdenklichkeit; er wird den Thessaliern die Wangen tätscheln, wenn ihnen die Furcht ins Gemüt steigen sollte; er wird dem König der Illyrer die Nase putzen, wenn dieser sie allzu tief in unsere Dinge steckt; er wird Straßen anlegen; von Norden nach Süden, oder vorhandene ausbessern; er wird Vorratslager einrichten – es könnte ja sein, man weiß es nicht, daß Athen uns den Krieg erklärt und wir dann schnell große Truppenverbände nach Süden verlegen müssen.
Und er wird Krieger werben und ausbilden.”

“Deshalb...”

Philipp beugte sich vor, die Unterarme auf der Tischplatte.
“Genau – deshalb. Ich brauche Alexander, und die besten der anderen.
Er ist jung; gewisse Dinge lernt man erst mit der Zeit. Wissen aus Büchern, sein Leben in Pella und Mieza, der Umgang mit Fürstensöhnen und rauhen Kämpfern in Beroia, all dies wird ihn, wenn er gut ist, fähig machen, Pella zu leiten – den Hof, die Verwaltung, den Nachschub. Erfahrene Kämpfer will ich ihm nicht unterstellen, bevor ich ihn nicht selbst im Kampf gesehen habe. Denn dies ist eine Sache, die man nicht aus Büchern lernen kann.”

“Das weiß er – wie die anderen.“ Aristoteles hob den Napf mit der Brühe, die inzwischen ein wenig abgekühlt und trinkbar geworden war. “Sie wissen es, weil ich es ihnen gesagt habe.” Philipp verschränkte die Hände hinter dem Kopf und starrte Aristoteles lange an.

“Ich danke Dir”, sagte er dann gedehnt. “Ich hatte gehofft, daß du unter den Philosophen vielleicht als einziger weißt, wo das nützliche Wissen, das man mit Wörten vermitteln kann, enden muß und wo die Tat beginnt. Sag - ist er gut genug?

Aristoteles blies noch einmal über die Brühe, trank, setzte den Napf ab.
“Alexander ist der beste Schüler, den ich je hatte. Aber...”
“Aber was?”
“Er hat einige seltsame Ideen über Hellenen und Barbaren und ihre Gleichwertigkeit.
Und... er ist zu gut.“

Philipp verzog das Gesicht. “Wie kann jemand zu gut sein?”
Aristoteles schloß die Augen; er sprach halblaut und sehr ernst.

“Inwendig ist der Mensch ein System von Waagen und Schalen. Liebe und Haß. Geiz und Großmut. Tugend und Niedriges. Wenn die Schalen gleichmäßig gefüllt sind, die Waagen ausgewogen, dann kann ein Mensch seinen Platz im Gefüge der Dinge einnehmen und sein Bestes tun. Wenn eine der Schalen zu voll oder nicht voll genug ist, wenn die Waage kippt, wird er vielleicht zu gierig oder geht durch allzu weitherzige Großzügigkeit zugrunde oder ist zu kriegerisch und vergißt, daß auch Gold oder Verträge oder Versprechungen zum Ziel führen können. Wenn die Liebste nicht eingesperrt ist, sollte man die Wand ihres Hauses nicht mit dem Kopf niederrammen, sondern die Tür benutzen.”

Philipp rümpfte die Nase. “Ja. Und weiter?”
“Alexander ist ausgewogen. Soweit man dies von einem jungen Mann sagen kann.
All seine Freunde...
Die Welt wird von ihnen hören, später, hier, in Mieza, habe ich sie als Teile eines Gefüges erzogen, als Gleiche, damit sie lernen, miteinander und mit anderen zu leben.
Rücksicht, Einpassung, all diese Dinge.
Keiner hat Herausragendes getan; es war auch nicht nötig.
Keiner hat auffällige Eigenschaften entwickelt, weil ich ihnen dazu keinen Anlaß gegeben habe.
Ich habe ihnen nur helfen können, ihre inneren Waagen auszuwiegen. Du wirst ihnen nun die Aufgabe übertragen, an denen sie sich beweisen müssen. Sie werden sich beweisen; der eine als Krieger, der andere als Denker. Perdikkas ist ein Kämpfer; Harpalos ist ein Rechner;
Alexander?
Sein inneres System ist sehr fein, und sehr schwierig auszuwiegen. Weil seine Waagen feiner sind und seine Schalen größer als die aller Menschen, denen ich je begegnet bin.
In ihm sind mehr Götter und Dämonen, als du und ich ertragen können. Solange seine Waagen ausgewogen sind, kann er sich zum größten König und wunderbarsten Führer von Männern entwickeln. Wenn aber eine Schale, die der Liebe oder der Gier oder der Tugend oder gleich welche, wenn also eine Schale und damit nur eine der zahllosen inneren Waagen deines Sohnes das Gleichgewicht verliert, dann wird er die ganze Welt vernichten. Vielleicht!”


Philipp fuhr sich mit der Hand über die Augen und grunzte.
“Klingt gefährlich. Wie soll ich mit ihm umgehen?”
“Vorsichtig, mein Freund. Und versuch, sein Freund zu sein!”
“Sein Freund? Ich bin der König und sein Vater!”
Aristoteles lächelte. “Das ist ein Zufall. Freundschaft bedarf der Bemühung.”
Es geht nicht darum mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, sondern darum mit den Augen die Tür zu finden!
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#2
Zitat:Aristoteles lächelte. “Das ist ein Zufall. Freundschaft bedarf der Bemühung.”

Weise gesprochen!
Entweder man findet einen Weg oder man schafft einen Weg!
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#3
Alexander und Aristoteles


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Sei!
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#4
Die kleine Geschichte geht noch ein wenig weiter:

Außerhalb von Pella werden Truppen ausgebildet. Kleitos sitzt auf einem schwarzen Pferd, neben ihm Alexander auf dem weißen Bukephalos. Alexander sieht müde und erschöpft aus; er hat ein paar Worte mit den Besuchern gewechselt – unter ihnen Aristoteles -, die auf Karren aus der Stadt gekommen sind; nun wendet er sich wieder den Kämpfern zu.

Ein Trupp besteht aus erfahrenen Kriegern; einige tragen noch kleinere Verbände oder weisen frisch verheilte Wunden auf. Emes ist unter ihnen. Die Gruppe, etwas fünfzig Männer, wird geführt von Krateros und Ptolemaois. Beide tragen die gleiche Ausrüstung wie die Hopliten, zusätzlich aber purpurfarbene Stoffetzen auf der linken Schulter.
Die zweite Gruppe, ebenfalls um die fünfzig Kämpfer, besteht aus jungen, erst halb ausgebildeten Leuten unter dem Befehl von Perdikkas und Philotas. Neben Alexander, auf einem ruhigen, behäbigen Pferd, sitzt ein Trompeter.

Auf Alexanders Handbewegung hin bläst er Signale; beide Truppenkörper setzen sich in Bewegung: Vorrücken mit geschulterten Sarissen; schwenken, Sarissen gesenkt und gerade ausgerichtet; Bildung eines nach allen Seiten von Sarissen starrenden Vierecks; Auflösung des Vierecks zur Phalanx; Auflösung der Phalanx zu kleinen Kampfgruppen. Die älteren Männer sind schnell, genau und zuverlässig; die Reihen der Neuen sind Schlangenlinien, und was bedrohlich ausgerichtete Sarissen sein sollten, sieht eher aus wie ein unordentliches Nadelkissen. Perdikkas brüllt Befehle, die nicht ausgeführt werden; Philotas rauft sich die Haare, als die Gruppe wie ein wibbelndes Wurmknäuel zum Stillstand kommt.
Kleitos zuckt die Schultern. “Die lernen es noch, Alexander. Ich hab schon schlimmeres gesehen.” Seine Stimme hallt über das Feld.

Alexander richtet sich auf; es ist, als ob die Bürde der Arbeit mit Schreibried und Papyros und Zahlen von seinen Schultern glitte. Sein Gesicht wirkt frischer als noch vor wenigen Augenblicken. Er wendet sich an die Gruppe der Neuen.

Ihr seid ein lausiger Misthaufen, sagt er mit heller, schneidender Stimme.
Vielleicht lachen sich die Athener tot, wenn sie euch sehen. Es wäre das erste Mal, daß Lächerlichkeit einen Sieg bewirkt. Aber darauf wollen wir uns nicht verlassen.

Die älteren Kämpfer lachen, während er vom Pferd gleitet. Er ist unbewaffnet, trägt keinen Helm, nur einen ledernen Brustschurz mit Metallplatten. Alle Augen hängen an ihm, fast hungrig, als er mit federnden Schritten zu den Neuen geht und einen von ihnen herausfordert.

Greif mich an, mit dem Schwert. Los doch. Keine Angst, komm!

Der junge Mann blickt erstaunt drein, dann läßt er die Sarissa fallen, zieht das Kurzschwert und greift an. Alexander weicht aus, duckt sich, hält den Unterarm des anderen, lähmt die Hand mit einem Fingerdruck auf den wichtigsten Nerv, schüttelt das Schwert aus den Fingern, wirft den Mann über die Schulter zu Boden, nimmt das Schwert auf und berührt den Hals des Liegenden mit der Schwertspitze – all dies in einer einzigen fließenden, geschmeidigen Bewegung. Es ist etwas darin wie im Gang einer schlanken jungen Frau, die mit dem Krug auf dem Kopf durch die Straßen gleitet. Von den anderen Kämpfern ist ein seltsames Geräusch zu hören. Kein beifälliges Raunen, kein anerkennendes Knurren – eher ein Girren, beinahe sanft und begehrlich: das Girren einer Menge, die einer sinnlichen Tänzerin zuschaut.

Alexander wirft das Schwert fort, reicht dem Liegenden die Hand, zieht ihn hoch. Er wendet sich einem anderen zu.

Wehr Dich, sagt er, fast liebevoll. Er nimmt die Sarissa, die der erste Gegner hatte fallen lassen, und noch ehe der zweite den Schild heben und das Schwert ziehen kann, ist die Spitze des langen Speeres an seiner Kehle.

Das muß schneller gehen – aber Du wirst es schon lernen.
Alexander lächelt flüchtig.
Anderenfalls werden wir um dich trauern und deine Gebeine ehren.
Verspreche ich.


Gelächter; Alexander dreht sich um, betrachtet die erfahrenen Kämpfer. Einer von ihnen sagt, wie zu einer besonders schönen Dirne:
Wen von uns willst Du, Alexander? Versuch es doch.

Alexander lächelt, blickt die Reihe entlang, nickt.
Warum nicht? Krateros!

Krateros zieht das Schwert, reicht es Alexander, der immer noch die Sarissa hält, bietet ihm dann seinen Helm an. Alexander lehnt ab.

Emes – Bogenbieger, Mann mit einem starken Namen, komm.

Emes strahlt und tritt vor. Alexander hat das Schwert in den Gürtel gesteckt. Er hält die Sarissa in beiden Händen, wirbelt sie herum, läßt sie in den Himmel fliegen, fängt sie auf, läßt sie wie ein Gaukler um seinen Kopf tanzen. Wieder hört man das Girren der Männer; Emes schweigt und beobachtet ihn mit schmalen Augen.
Plötzlich richtet Alexander die Sarissa auf Emes Kehle. Emes Schwert glitzert, fliegt auf, hackt in das Holz der langen Lanze, trennt die Spitze ab. Alexander läßt den Schaft fallen, zieht das Schwert und greift an. Sie kämpfen, fechten, vor und zurück, die Schwerter klirren und blitzen, langsam treibt Alexander den Hopliten zurück, stolpert jäh, taumelt, und als Emes sich auf ihn stürzt, zuckt Alexanders Schwert hoch. Emes Waffe wird aus der Hand geschleudert und landet zehn Schritte entfernt. Alexander läßt seines fallen, springt Emes an wie eine Katze.
Sie ringen, kurz und wild, dann liegt der Krieger auf dem Rücken. Alexander zieht ihn hoch, lächelt, als Emes ihm die Hand küßt, und geht zu seinem Pferd.

“So stark”, sagt Emes leise, mit einem Staunen in den Augen.
“Und sein Schweiß ist mild.”

Er schüttelt den Kopf.
Es geht nicht darum mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, sondern darum mit den Augen die Tür zu finden!
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