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Der Kini
#71
DIE KRAFT DER TOTEN

«Unheimlich ist die Kraft der Toten.
Sie tragen die Menschen, die Völker, die Erde,
Im Sterben sind sie schon wieder im Werden,
Und einmal - in der Zeiten Lauf,
Stehen die Toten in den Lebenden auf.
Unheimlich ist die Kraft der Toten.
Wer weiß in sich ihre Lebensglut brennen,
Wird in seinem Kinde ihre Züge erkennen,
Und einmal - in der Zeiten Lauf,
Stehen sie lebend aus Sterbenden auf.
Unheimlich ist die Kraft der Toten.
Man kann sie lieben, man kann sie hassen,
Man kann sie verleumden, verhöhnen lassen,
Doch einmal - in der Zeiten Lauf,
Zum lieben, zum hassen, stehen die Toten auf.
Wenn auch die Lebenden heute versagen,
Beten und betteln, fragen und klagen,
Die Gräber der Toten als ihr einziges Gut,
Ihre Augen zum Weinen, Tränen und Blut, Bedenkt's!
Unheimlich ist die Kraft der Toten.
Man kann sie verleugnen bis zum Verbrechen,
Doch einmal werden die Toten sich rächen,
Da stehen sie - in der Zeiten Lauf,
Drohend, gewaltig, zum Kampf wieder auf.
Unheimlich ist die Kraft der Toten.
Man kann sie verdammen und vermessen,
Die eigenen Toten sogar vergessen,
Doch einmal - in der Zeiten Lauf,
Stehen die Toten in Euren Kindern auf!»
— Ward Hermans, verfasst im Jahre 1946
„Nichtstun ist halber Tod. Das Leben äußert sich nur in der Tätigkeit.“
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Es bedanken sich: Paganlord , Erato
#72
Ich habe ein Gedicht gefunden, welches der Kini geschrieben hat. Dazu gab es spätere Meinungen, daß es sein Leben widerspiegelt ...
Inwieweit das stimmt, kann ich im Detail nicht sagen, jedoch gibt es in dem Gedicht eine religiöse Kehrtwende, von der ich mich frage, ob diese tatsächlich stattgefunden hat oder nur nach außen hin dargestellt wurde.

   

Auf Hohenschwangaus hehren Zinnen
Stand ich, und schaute in das Land,
O könntest Du es Dir gewinnen,
(Dacht ich) mit starker Ritterhand.

Wollt ichs behaupten und es schützen.
Es winkt mir die Gelegenheit,
Den Augenblick, ich will ihn nützen,
Jetzt nahet die willkommne Zeit.

Zur Reise alle sich bereiten,
Zu kehren in die Stadt zurück,
Dort harren meiner nichts als Leiden,
(Dacht ich), mir winkt ein andres Glück.

Das Chr*stentum muß ich verachten,
Ich wähle mir das Heidenthum,
Nach ihm nur sollen alle trachten,
Dort nur lebt Ehre noch und Ruhm.

Dem Kreuze wend' ich keck den Rücken,
Die Heidengötter ruf ich an,
Sie können einzig mich beglücken,
Es faßte mich ein sel'ger Wahn,

Die Kön'gin drob begann zu trauern,
Verloren glaubt sie all mein Heil;
Mein Herz weiß nichts von Schmerzensschauern,
Doch ihres traf ein scharfer Pfeil.

Das Schloß verlassen wir zu Wagen,
Und fahren nun den Berg hinab,
Ich spring' vom Bocke ohne Zagen,
Ein G*tt mir den Gedanken gab.

Die andern merkten nicht mein Fliehen,
Schnell, schnell enteilt' ich in den Wald,
Um in ein fernes Land zu ziehen,
Am Fürstenwege stand ich bald.

Mein Oheim kam des Wegs gezogen,
Ich lege schnell zur Seite mich,
Mir stürmt es in der Brust wie Wogen,
Ihr Götter, wie erbebte ich!

Doch seine Augen mich gewahren,
Und ich erzähl' mein Wagnis nun,
Ich bat ihn, nichts zu offenbaren,
Und er versprach, es nie zu thun.

Ich zieh so froh nun meine Wege,
Wie heiter wogte mir die Brust,
Ich dachte, nichts käm' ins Gehege,
Und ahnte nichts als künft'ge Lust.

Mein Großvater, er kam geschritten,
An einem Teiche traf ich ihn,
Und ich bestürmte ihn mit Bitten,
Doch ließ er mich nicht fürder ziehn.

Da ich ihn bat, nichts, nichts zu sagen,
Von allem, was ich ihm vertraut,
Nicht billigt' er mein kühnes Wagen,
Sein drohend Wort, es tönte laut.

Er wollte nun mein Leben enden,
Er nahm ein mörderisch Gewehr,
Die Götter wollten's anders wenden,
Und nicht erreicht er sein Begehr.

In einen Graben mußt' er fallen,
Erfreut im Herzen zog ich fort,
Ins ferne Land ja wollt' ich wallen,
In kurzer Zeit nun war ich dort.

Ich wählt' mir bald die treusten Helden,
Ich war ihr Herr und treuer Freund,
Im Geiste wähnt' ich mein die Welten,
Wenn ich mit ihnen nun vereint.

An dieser Stelle nimmt das Gedicht eine Wendung, und ich bin wahrlich kein Kenner der Biographie des Kini, aber ich erahne eine Gottesfürchtigkeit nach außen hin zum Zwecke der eigenen Machterhaltung in einer Zeit, in der die Kirche, insbesondere der Katholizismus, auch in Staatsangelegenheiten sehr großen Einfluß ausübte.

So schreibt zum Beispiel der Historiker Hermann Rumschöttel (nachfolgend HR genannt), ehemaliger Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns und Autor einer Kini-Biografie, daß die Konflikte, die Kini mit der katholischen Kirche hatte, für ihn kein Anlaß zur Abkehr von seiner Religion waren.

"Sein Ethos als Herrscher von Gottes Gnaden war katholisch geprägt und setzte ihm zum Ziel, Gottes Licht zu verkünden und die Gesinnungen der Menschen im Sinne der Chr*stlichen Tugendideale der selbstlosen Liebe und Demut zu veredeln."

Das liest sich für mich zwischen den Zeilen wie ein Lippenbekenntnis, denn als Untermauerung der vorgenannten These dienen z. B. Handlungen des Kinis, bei denen er auf seinen Ausflügen Almosen an Bedürftige verteilen ließ.

Es kommt halt auf den Blickwinkel an ..., man kann hier natürlich chr. Nächstenliebe hineininterpretieren, aber man kann genauso gut eine Zugewandtheit zum eigenen Volk, den Landsleuten vermuten. Ebenso könnte es rein politischer Natur gewesen sein ... sich hier aber auf eine religiös motivierte Handlung zu berufen, scheint für mich fahrlässig bis meinungsbildend zu sein.

Politischer Natur sind m. M. nach Handlungen wie die Spende einer Passionsgruppe in Oberammergau, für die dort ausgerichteten Passionsspiele.

Ein weiteres Beispiel dafür, was König Ludwig II. von der Kirche und ihrem Glauben hielt, zeigt sich, als 1874 Ludwigs protestantische Mutter Marie von Preußen zum katholischen Glauben konvertierte. HR meint hierzu: "Ludwig blieb der kirchlichen Feier fern – wohl aus politischen Gründen. Er beurteilte die Konversion der Mutter sehr distanziert, ja sogar mißbilligend."

... muß das Fernbleiben des Königs eine politische Motivation gehabt haben. Was soll dafür oder dagegen gesprochen haben? Eine Begründung bleibt HR hier schuldig.

Vielleicht waren die Gründe aus innerer Überzeugung, oder weil es sich bei einer Konversion zu einem anderen Glauben um ein kirchliches Ritual handelt, um eine Erwachsenentaufe ... womit der durch das Brandmal gekennzeichnete Täufling in den Besitz der kath. Kirche übergeht und alle Anwesenden an diesem Ritual teilnehmen, dem also zustimmen.

Die eigenen Ansichten HRs blicken durch, wenn man z. B. Äußerungen liest, in denen er Richard Wagner als Nihilisten diffamiert. Also als jemanden, der alles ablehnt, insbesondere die Kirche. An solchen Spitzfindigkeiten erkennt man die Grundeinstellung bei der dann nicht ganz so neutralen Berichterstattung.

Die Aussagen HRs haben vielmehr immer einen richtungsweisenden, meinungsbildenen und religiösen Charakter. So schreibt er, "daß der Kulturkampf, also die politische Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche, von König Ludwig II. mit dem Ziel einer Verringerung des Einflusses der Kirche geführt wurde. Es ging also um den Erhalt und die Dominanz staatlicher Hoheitsrechte."
So weit, so gut, doch dann folgt der Nachsatz, daß es nicht um antikirchliche oder antikatholische Zielsetzungen ging. 

Ein Gesetz, das den Einfluß der Kirche in Schulen reduzieren sollte, scheiterte im Parlament. Zudem unterstützte Kini die Einführung des Kanzelparagraphen. Dieser verbot jedem Geistlichen von der Kanzel aus Staatsangelegenheiten zu erörterten. Das wurde mit Gefängnis bestraft.
Er schimpfte über „elende Pfaffen", die ihren heiligen Stand mißbrauchten, und das Volk in Aberglauben und Finsternis beließen.

Danach schreibt HR, "dennoch betonte er immer wieder, daß er dem Heiligen Vater aufrichtig verbunden sei." Dem Münchner Erzbischof Scherr erklärte er 1871: „Ich werde stets ein treuer Sohn der Kirche bleiben.“

Wo man auch liest, vielerorts wird König Ludwig II. als krank, wenn nicht sogar geisteskrank bezeichnet. Man stößt auf eine Ablehnung, die so hartnäckig ist, daß es zwangsläufig dazu führt, diese Ablehnung zu hinterfragen. So soll sich jeder Leser selbst seine Meinung bilden.

Der zweite Teil des Gedichtes folgt ...
Kein besserer Freund – kein schlimmerer Feind!
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Es bedanken sich: Inara , Paganlord , Waldläufer , Kelda , Sirona , Hernes_Son , Cnejna , Lella
#73
Vergleiche mit der Parzifal-Geschichte oder mit der Geschichte des Heidentums insgesamt. Also die deutschen Landen waren Heidenland und wandelten sich zum Chr*stenland. Als König ist er gleich dem Land zu setzen. Ich denke so herum wird die Deutung richtig.

Es geht in diesem Gedicht also nicht um den Kini als Privatperson, sondern um ihn als Repräsentanten des Landes Bayern. Als Landesvater sozusagen. Und ganz richtig beschreibt er in diesem Gedicht die Wandlung seines Heimatlandes hin zum Chr*stentum.

Ein mutiges Gedicht für eine Zeit, in welcher die heidnische Vergangenheit Bayerns am liebsten abgeleugnet (zumindest aber verschwiegen) wurde. Wenn er schreibt, merkt man beim Lesen: "Wie verrückt" einem dieser plötzliche Religionswechsel erscheint!

Das ist die dahinterstehende Absicht des Kini; ebenso wie die im Parzifal transportierte Botschaft. Es ist verrückt, sich von seinen ursprünglichen Göttern (und damit von seinen eigenen Ursprüngen) abzuwenden und sich einem fremden G*tt (und dessen Bräuchen) zuzuwenden. Aber wer versteht heute noch Wagner oder Ludwig II.?
Entweder man findet einen Weg oder man schafft einen Weg!
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Es bedanken sich: Kelda , Hernes_Son , Cnejna , Lella
#74
Nun zum zweiten Teil des Gedichtes ...

Nicht wollt' die Götter ich verehren,
Zum Kreuze kehrte ich zurück;
Wie liebt' ich meine Tapfren, Hehren,
Es strahlte Wonne nur mein Blick.

Ich war ja frei von allen Banden,
Weit, weit nun von der bösen Stadt.
Weit nun von den Philister-Landen,
Denn ihrer war ich völlig satt.

Die Flucht aus der Stadt mit ihren kleinbürgerlichen Problemen und Ansichten wird heute umso deutlicher, wenn man sich die Großstädte ansieht. Wie soll man in diesem Chaos Ruhe und Inspiration finden, die notwendig sind, um tatsächlich große Dinge ins Leben zu rufen.

   
König Ludwig und Richard Wagner

In einem Land von Freien, Gleichen,
Und ich erschuf mir diese Welt,
Ein König herrscht' ich in den Reichen
Und unter Helden größter Held.

Zum Schlosse sandt' ich einen Boten,
Ich sandte als Spion ihn aus;
Verlassen nicht, ein Haus von Toten,
Nicht sollte sein das Ritterhaus.

Und ich erging mich in dem Lande,
Des Abends bei des Mondes Schein,
Nach einem Berg mein Schritt sich wandte,
Ein Zauberton zog mich hinein.

Drin hört ich wunderbares Tönen,
Im Venusberge sah ich mich,
Ich sah die Herrlichste der Schönen,
Sie liebte bald mich inniglich.

Und mich befiel ein sel'ger Schlummer,
In einem magisch blauen See,
Dort war nur Lust, und niemals Kummer
Und ich empfand ein wonnig Weh.

Nicht blieb ich in der Göttin Armen
Mich triebs zur Oberwelt zurück,
Nicht wollt' ich hier in Lieb erwärmen,
Sie weissagt mir von hohem Glück.

Sie gab mir eines Ritters Kleider,
Und dankbar, freudig zog ich fort,
Es war mein Herz so froh, so heiter,
Es tönt' im Ohr der Göttin Wort.

Die Göttin begegnet uns in vielerlei Gestalt. Lächeln

Ich hörte schmetternde Trompeten,
Sah meine Freund' als Ritterschar,
Welch Wunder plötzlich wir erspähten,
Ein schwarzes Roß stellt' sich mir dar.

Ich säumte nicht mich drauf zu schwingen,
Mir schien, für mich sei es gesandt,
Daß Ruhm darauf ich sollt' erringen,
Zum Schloß nun ward der Zug gewandt,

Wir reiten nun im milden Mondesscheine
Als hehre Ritter ziehen wir dahin.
Wir reiten durch die traulich grünen Haine,
Auch lustge Elfen sahen bald wir ziehn.

Wir nahten nun in kurzer Zeit dem Schlosse,
Und ziehen in den Burghof freudig ein,
Da ward's so wohl, (mir schien es,) meinem Rosse
Sollt wohl denn ich, sein Herr, ein andrer sein?

Wir Mannen eilten in die hehren Säle,
So frei und froh ward's jedem um die Brust,
Ja dieses Schloß für uns'ren Sitz ich wähle,
Sprach ich, hier herrsche Ritters Lust.

Wir setzten freudig uns zum reichen Mahle
Erneuern ganz die früh're Reckenzeit,
Wir trinken aus dem kreisenden Pokale,
Zur sel'gen Gegenwart ward die Vergangenheit.

Mit dieser Schar will neue Sitten ich verkünden,
Beglückt durch uns werd' dieses schöne Land,
Wohl sollen treue Freunde wir nun finden;
Es war ja deutsche Treue stets bekannt.

Der süßen Ruhe drauf wir Alle pflegten,
Es war schon spät geworden in der Nacht,
Ich ging mich in des Königs Ruhebett zu legen,
In diesem Zimmer strahlt' der Bilder Pracht.

Als nun des Thürmers Ruf den neuen Tag verkündet,
Ein Jeglicher gekräftiget erwacht,
Die Sonne steigt mit Wonne heut verbündet,
Ein eig'ner Ton ergriff mein Ohr mit Macht.

Und ich vernahm so hehre, wundersame Weisen,
Und immer mächt'ger schwoll der Stimmen Klang,
Ich hörte eines Ritters Nahen freudig preisen,
Ihn zieht im See ein Schwan: tönt der Gesang.

Nach kurzer Zeit schon ist er in dem Schlosse,
Von Himmels Höhen scheint er uns gesandt,
Empfangen von der Mannen mächt'gem Trosse
Hat er den Schritt in uns'ren Saal gewandt.

Und da erkannten wir beim ersten Blicke,
Daß Er der wahre Herrscher sollte sein,
O freudigstes, o schönstes der Geschicke,
In Dir, Ersehnter, Alle wir uns weihn!

Er sprach: »Vom Himmel selbst bin ich zu Euch gesendet,
Zu Eurem Herrscher hat mich G*tt ernannt,
Durch mich wird alles Böse weggewendet,
Jedoch mein Name werd' Euch nie bekannt.

Ihr sollet darum niemals mich befragen,
Sonst muß trotz Flehens ich von hinnen ziehn,
Und Euer Glück muß ich von dannen tragen,
Mit mir geht jeder Trost für Euch dahin.

Wir drauf. Nie soll der Morgen Tagen,
An dem die Frage will dem Mund entfliehn,
Wir lieben dich und werden uns dir neigen,
Den Namen deck' ein ewiges Verschweigen!

   

Eine Woche nach Vollendung dieses Gedichtes, an welchem er 6 Wochen schrieb, wurde Ludwig König von Bayern!
Kein besserer Freund – kein schlimmerer Feind!
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Es bedanken sich: Paganlord , Sirona , Hernes_Son , Inara , Cnejna , Lella


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