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Insel der Schwäne
#1
Insel der Schwäne

Kapitel I

Seine Augen schmerzten, als er sie öffnete. Langsam wichen die Nebel, die seinen Blick trübten. Die junge Frau, die an seiner Seite saß, bemerkte sein Erwachen. Sie lächelte zärtlich, als sie ein feuchtes Tuch auf seine Stirn legte. Dann wurde alles wieder dunkel....
„Argos! Das ist eine Falle!“ Der Schmerz beim Aufschrecken seines Körpers, ließ ihn zusammenzucken. „Ihr habt schlecht geträumt...Beruhigt euch.“ Die junge Frau hatte immer noch an seiner Seite gewacht. Sie half ihm, sich wieder niederzulegen. Er atmete sehr schwer, fasste sich an seine schmerzende Brust und verzog seine Gesicht. Es dauerte einige Zeit bis er wieder Ruhe fand. Die junge Frau hatte ihm wieder ein feuchtes Tuch auf die Stirn gelegt und sah nun nach dem Verband, der seine Brust umschlang. Sie lächelte wieder. „Ihr habt sehr lange geschlafen. Eure Wunden waren sehr schwer, doch ihr ward stark genug.“ Sie hatte den Verband gelöst und war dabei eine Salbe auf die große Wunde, die sich über seine ganze Brust zog, aufzutragen. „Wo bin ich?“ Seine Stimme klang belegt und schwach. Die junge Frau antwortete ohne ihre Bemühungen mit dem Verband zu unterbrechen. „Ihr seid auf Ledos.“ „Ich kann mich nicht erinnern.“ Die junge Frau blickte zu ihm. „Dieser Ort ist nur Wenigen bekannt.“ Er blickte ihr völlig klar in die Augen. „Das meine ich nicht...Ich kann mich an nichts erinnern.“

„Er hat sein Gedächtnis verloren.“ Der junge Mann betrachtete den Ring, den er trug und hörte das Gespräch, welches die junge Frau mit einer anderen führte. „Das war zu befürchten. Es ist erstaunlich, daß er überhaupt überlebt hat. Es grenzt an ein Wunder.“
Es vergingen viele Wochen, bis er sein Lager verlassen konnte. Oft entzündete sich die Wunde auf seiner Brust wieder und ließ ihn schmerzhaft fiebern. Im Fieberwahn schrie er oft auf und rief immer wieder die gleichen Namen. Jetzt konnte er schon aufstehen und begab sich jeden Tag in den Garten. Er setzte sich immer auf die Bank, von der aus man das Meer betrachten konnte. Dort saß er meistens den ganzen Tag. Er sprach mit Niemandem.
„Du hast ihn sehr gut gepflegt Wala.“ Menos hatte sich zu ihr gestellt. „Körperlich kann ich ihn heilen aber sein Inneres hat noch einen langen Weg vor sich.“ Sie lächelte Menos an und richtete dann wieder den Blick auf den jungen Mann, der am Horizont nach Antworten suchte. Menos ließ ein Lächeln über sein gesicht gleiten, als er den Blick der jungen Frau verstand und begab sich zurück in den Tempel.
„Wala! Wala!“ Der junge Mann drehte sich um und erkannte die junge Frau, die ihn pflegte. Eine Frau war auf sie zugelaufen und überbrachte ihr aufgeregt eine Botschaft. Nachdem sie alles besprochen hatten, blickte die junge Frau in seine Richtung. Er senkte den Blick und wandte ihn wieder dem Meer zu.
„Ihr schaut auf das Meer der tausend Tränen.“ Wala war neben ihn getreten. Er erhob seinen Blick in ihre Richtung. Sie trug ein helles Gewand, daß mit einer Brosche an der Schulter verziert war. Die Sonne blendete ihn und er mußte die Augen zusammenkneifen, um das Symbol auf ihr zu erkennen. Er sprang auf und griff danach. Wala zuckte vor Schreck zusammen, bis sie verstand was gerade passierte. Der junge Mann betrachtete es sehr intensiv. Dann blickte er ihr tief in die Augen. Sie wußte, daß er sich versuchte zu erinnern. Dann blickte er auf den Ring, den er trug, dann wieder in ihre Augen. „Was hat das zu bedeuten?“ Wala freute sich innerlich, daß er mit ihr sprach aber auf diese Frage durfte sie im nicht antworten. Das waren Dinge, die er selbst herausfinden mußte. Sie blickte traurig und schwieg. Er verstand. Er senkte enttäuscht seinen Blick und begab sich auf den Weg der zum Strand hinunter führte.
Er war sehr lange am Strand entlanggelaufen und hatte dabei nicht einmal seinen Blick erhoben. Nun blieb er stehen. Ein Geräusch hatte ihn auf horchen lassen. Es war ein Schwan, der ihn aus seinen Gedanken riss. Als er sich umsah, konnte er ihn in wenigen Schritten Entfernung erblicken. Der Schwan ließ sich gerade an das Ufer treiben. Er schüttelte sich und erblickte den jungen Mann, der ihn betrachtete. Erhaben hob er seine Flügel. Die Sonne spiegelte sich auf jedem kleinen Wassertropfen, der sein Gefieder noch schmückte. Es war ein prachtvoller Anblick.
„Sie kommen jeden Tag hierher.“ Er blickte sich um und sah Wala, die in geringer Entfernung hinter ihm stand. Sie wendete ihren Blick zum Meer. „Ich verbringe hier viel Zeit, wenn ich allein sein möchte.“ Der junge Mann sah wieder in die Richtung, wo er den Schwan erblickt hatte. Auf den Wogen des Meeres konnte er nun noch weitere Schwäne entdecken. Auch sie ließen sich an Land treiben und gesellten sich zu dem anderen Schwan, der sich schon im Sand niedergelassen hatte.
„Man sagt, daß jeder von ihnen ein Mensch gewesen ist. Sie lebten auf einer Insel, die vor langer Zeit untergegangen ist. Ihr König und ihre Königin wurden verraten und ermordet. Sie warten auf den Tag an dem sie wiedergeboren werden und sie gemeinsam in ihre Heimat zurückkehren können.“
Wala hatte sich nun neben den jungen Mann gestellt und beide betrachteten die Schwäne, wie sie jede Brise, die vom Meer kam, zu genießen schienen. „Sie wirken so zart und rein...und doch so stolz und anmutig.“ Wala staunte, solche Worte von ihm zu hören. Sie schaute zu ihm herüber und ließ ein flüchtiges Lächeln über ihre Lippen gleiten.
Als sie nun langsam am Ufer des Meeres zurückgingen, brach er wieder das Schweigen: „Wie lange bin ich jetzt bei euch?“ „Es ist über drei Monate her, daß Du...“ Wala stockte... „daß Du bei uns bist.“ „Warum darfst Du mir nicht sagen, wer ich bin und wie ich hergekommen bin?“ Der junge Mann blieb stehen und hatte auch Wala durch einen sanften Griff an ihrem Oberarm zum Halten bewegt. Sie blickte zu ihm auf. „Auch das darf ich dir nicht sagen.“ Er sah an ihrem Blick, daß sie ihm gern geholfen hätte, aber es ihr wirklich nicht gestattet war. Langsam ließ er ihren Arm los, den er die ganze Zeit nicht losgelassen hatte. „Ich möchte noch etwas allein sein.“ Er senkte wieder seinen Blick und wanderte nun in die andere Richtung des Strandes weiter.
Er war schon ein Stück gegangen als sie ihm nachrief: „Manchmal helfen unsere Träume uns Antworten zu geben. Wir verarbeiten darin viel, was uns bewegt und was wir erlebt haben.“ Er verharrte so lange wie sie sprach, um dann seinen Weg weiter fortzusetzen.

Ein Zupfen an seiner Kleidung ließ ihn erwachen. Er war am Strand in der Sonne eingeschlafen. Es waren schon einige Wochen vergangen nachdem er mit Wala gesprochen hatte. Er zuckte vor Schreck leicht auf, als er sah, daß es ein Schwan war, der ihn weckte. Auch der Schwan schreckte zurück und schnatterte vor sich hin. Der jung Mann richtete sich auf und sah, daß die Sonne schon langsam unterging. Der Schwan stand vor ihm und schien darauf zu warten, daß er aufstand. Langsam erhob sich der junge Mann. Er befreite seine Kleidung, die von dem feinen Sand bedeckt war. Er blickte wieder zu dem Schwan, der einen kurzen Laut von sich ließ und sich weiter in die Richtung bewegte, die auch er eingeschlagen hatte. Er hatte das Gefühl, als wolle der Schwan, daß er ihm folgt. Er zögerte. Doch als der Schwan sich nochmals umdrehte und das gleiche Geräusch von sich gab, tat er einfach, was sein Gefühl ihm sagte.
Oft flog der Schwan einige Meter voraus, setzte sich geduldig in den Sand, um dann wieder schweigend weiterzufliegen. Erst als die Sonne fast untergegangen war, erblickte der junge Mann, wo der Schwan ihn hingeführt hatte.

Es leuchteten Fakeln im aufkommenden Abendlicht. Als er näher kam, erkannte er Wala, die im Kreis dieser Fakeln stand.
"Schon lange verweilt ihr an diesem Ort." Walas Stimme klang sanft, doch ihr Gesicht wirkte auf ihn kühl und distanziert. Langsam ging sie auf den jungen Mann zu. Er bemerkte wie geschmeidig sie sich bewegte. Zart und bedacht setzte sie einen Fuß vor den anderen. Ihr blaues Gewand war aus dünnem Stoff und fügte sich jeder leichten Brise, die vom Meer aus den Strand erreichte. Er bemerkte erst jetzt wie schön sie war. Er hatte sich so krampfhaft mit seinen Erinnerungen beschäftigt, daß es ihm nicht auffallen konnte. Ihre Haare fielen geschmeidig über ihre Schultern. Sie waren leicht gewellt und glänzten im letzten Schein der Sonne. Sie streckte ihm ihre Hände entgegen und führte ihn in den Kreis. Ihre kleinen zarten Hände verloren sich in seinen. Sie waren weiß und wirkten so zerbrechlich. Als er seinen Blick wieder von ihren Händen erhob, sah sie ihm tief in die Augen. Er hatte noch nie in solche Augen geblickt. Sie funkelten voller innerlicher Kraft und er hatte das Gefühl sich in ihnen zu verlieren. Wala lächelte.
"Eure Vergangenheit liegt in dichtem Nebel... Eure Versuche die Nebel zu durchbrechen blieben bis zu diesem Tag ohne Erfolg." Der junge Mann senkte den Blick. Wala drückte leicht seine Hände, um ihm so zu bedeuten, daß er sie wieder ansah. Als er dies tat, lächelte sie erneut, ehe sie wieder begann zu sprechen.
"Diese Nebel erschaffen wir uns selbst... Um Unverarbeitetes zu verdrängen...uns selbst zu schützen...vielleicht auch...weil die Wahrheit zu schmerzhaft ist... Oder ist es die Angst, die unsere Vergangenheit in diese Nebel taucht...?" Wala löste ihre Hände aus seinen und wandte ihren Körper dem Meer zu. Ihre Augen konzentrierten sich auf den Horizont. "Es ist bei jedem unterschiedlich... Die Antwort kann nur jeder selbst finden, wenn er dafür bereit ist... Bereit sich selbst zu betrachten...ohne Furcht...ohne Stolz..." Wala wandte sich nun wieder zu ihm. Sie sah tief in seine Augen, die ihm bis in das Tiefste seines Selbst zu blicken schienen und fragte: "Ist es euer freier Wunsch die Vergangenheit zu erfahren?"
Er schluckte, und er hatte das Gefühl, die schwerste Entscheidung seines Lebens treffen zu müssen. Das erste Mal, seitdem er hier war, hatte er Zweifel an dem, was er immer wollte - zu wissen wer er war. Doch im gleichen Augenblick wurde ihm bewußt, daß es unvermeidlich war diesen Schritt zu gehen. Oder sollte er sagen zu wagen? Der Knoten in seinem Hals löste sich. Er erwiderte fest ihren Blick, und für einen kurzen Moment konnte er Bewunderung in ihren Augen erkennen. "Es ist mein freier Wille!"
Ihre Gesichtszüge nahmen den gleichen distanzierten Ausdruck an. Wala nahm nun wieder seine Hände. "Sieh mir tief in die Augen! Dringe vor in die Unendlichkeit, die sich in ihnen verbirgt. Sie ist auch eure Unendlichkeit... Alles ist...und alles ist nicht...Leere und Raum..." Er hatte seinen Blick auf ihre Augen fixiert. Sie wiederholte diese Worte immer und immer wieder. Er hatte das Gefühl in Dunkelheit zu schweben. Walas Stimme begleitete ihn. ..."Alles ist... Alles ist nicht..."...
Vom Meer her zog Nebel auf. So dicht wie seit vielen Jahren nicht mehr. Er umhüllte den Kreis, in dem sie standen... Umhüllte die ganze Insel...
Ihr letztes Wort - nur ein leises Flüstern...in den dichten Nebel gehaucht...ein Name...sein Name... "Arkas!"...

Stimmen erreichten sein Gehör. Erst weit entfernt und dann immer näher. Er lag auf etwas Weichem. Es war feucht und irgendwie warm. Er öffnete die Augen und sah in den Himmel. Rauchsäulen verdunkelten die Sonne. Es roch nach verbranntem Holz und nach Tod. Er konnte nur seinen Kopf bewegen. Etwas lag auf seinem Köprer. Als er seinen Kopf zur Seite wendete, sah er in das Gesicht eines toten Soldaten. Blut rann über seine Stirn und Nase. Es war schon geronnen. Der tote Soldat hatte seine Augen geschlossen. Hatte er Furcht empfunden, als er gefallen war? Er wirkte auf seltsame Weise frei.
"Arkas!... Männer!... Hierher!" Er blickte in die Augen eines alten Bekannten. Seine Stimme wirkte erleichtert. Nur leise konnte er seinen Namen aussprechen, ehe er von mehreren Männern auf eine Bahre gehoben wurde. "Argos..."
Seine Blicke wanderten über die Hände, Arme und Kleidung der Männer, die ihn trugen. Sie waren von Schmutz und Blut verschmiert. Ihre Rüstungen hatten sie abgelegt und trugen nur die Unterkleidung aus blauem Stoff, welcher ebenso gezeichnet war wie ihre nackten Arme. Als sein Blick zur Seite fiel, sah er Berge von Leichen auf dem Schlachtfeld, liegend in einer Senke, von Bergen umschlossen. Ihre Spitzen waren in reines Weiß gehüllt, und einer ihrer Gipfel schien, als küßte er die Sonne.
Erst jetzt bemerkte Arkas, wie ihm sein Körper schmerzte. Seine Beine schmerzten vom langen Stehen. Sie hatten den ganzen Tag gekämpft. Seine Arme und Hände vom Führen seiner Waffen. Die stärksten Schmerzen fühlte er auf seinem Oberkörper. Er hob seinen rechten Arm und ließ seine Hand zitternd über die schmerzende Stelle gleiten. Für einen kurzen Moment weitete er die Augen, um sie dann zu schmalen Schlitzen zusammen zu kneifen. Er hatte das Gefühl einer Erinnerung. So als hätte er ... Starke Schmerzen unterbrachen seinen Gedanken.
Die Männer steuerten auf ein Zelt zu. Stimmengewirr und Schreie schmerzerfüllter Soldaten durchdrangen die Luft. Er erkannte in dem Mann, der die Einteilung für die ankommenden Verwundeten vornahm, seinen alten Freund Samos. Als nun dieser seinen Blick auf die Bahre richtete, auf der er lag, verlor seine Mimik jegliche Fassung. Er stürzte auf ihn zu und ergriff seine linke Hand. "Arkas! Bei den Göttern!" Samos ließ seinen Blick über den verwundeten Körper gleiten. Nun blickte er auf die Männer, die auf seine Befehle warteten. Samos erlangte wieder seine Fassung und richtete sich auf. "Bringt Arkas in das Nebenzelt!" Ein kleiner Junge lief mit Wasser von Bett zu Bett, auf denen die Verwundeten lagen. Er reichte ihnen in einer Kelle Wasser. "Karan!" Der Junge erhob den Blick und sah in ihre Richtung. "Hol heißes Wasser und bring es in das Nebenzelt!" Der Junge nickte, setzte seine Schüssel behutsam auf der Erde ab und eilte nach draußen.
Grob aber vorsichtig wurde Arkas auf die Liege im Nebenzelt gehoben. Samos beugte sich über ihn und legte ein feuchtest Tuch auf seine Stirn. Plötzlich sah Arkas das Bild einer Frau. Die selbe Geste.... Lange konnte er jedoch nicht darüber nachdenken. Er sah noch, wie einer der Männer welche die Bahre getragen hatten, mit einem glühenden Eisen das Zelt betrat.
Sein Schrei durchzog das ganze Lager, über das Schlachtfeld mit seinen Leichen und hallte an den Bergen zurück. Arkas wurde ohnmächtig.
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Kapitel II

Der Wecker klingelte wie jeden Morgen. Wie jeden Morgen wartete Helia darauf, daß das zweite Klingeln sie zum Aufstehen zwang. Sie setzte sich im Bett auf und fuhr sich mit den Fingern über ihre Schläfen. Sie hatte diese Nacht wieder diesen eigenartigen Traum von der Insel und diesem Mann. Das hatte sie noch nie. Den gleichen Traum so oft. Und dieser Mann ... Es war so sonderbar. So viele Gefühle und alles so real. Sie schüttelte den Kopf. Wer weiß... Vielleicht lag es einfach nur am Mond. Bei Vollmond hatte sie schon immer eigenartige Träume. Aber diesen nun schon zum vierten Mal zum Vollmond. Helia schüttelte ihren Kopf um ihre Gedanken zu vertreiben. Sie rieb sich noch einmal die Augen und erhob sich dann mit erzwungenem Elan aus dem Bett. Sie hatte wie jeden Morgen wenig Zeit, um sich für den Tag zurrecht zu machen. Zügig zog sie ihre Sachen an, widmete sich der Morgenwäsche und goß sich noch schnell ihren Cappuccino in ihren Becher und huschte aus der Wohnungstür zu ihrem Auto. Helia atmete tief ein und sie lächelte. Frühlingsluft. Endlich! Der Winter hatte ein Ende. Er war für Griechenland sehr lang und ungemütlich. Sie lauschte auf den Gesang der Vögel, schloß die Augen und - sah wieder in die Augen dieses Mannes. Benommen hielt sich Helia an ihrem Wagen fest. Beinahe hätte sie ihren Cappuccino verschüttet. Sie holte tief Luft und blickte sich um. Hatte noch jemand bemerkt, was gerade geschehen war? Niemand zu sehen...
Helia saß nun an ihrem Arbeitsplatz. Sie starrte nun schon eine halbe Stunde auf ihren Bildschirm ohne zu arbeiten. Sie war in ihren Wagen gesprungen und schneller als sonst zur Arbeit gefahren. Nun saß sie hier und grübelte. Sie war nun schon so lange allein und ein Mann aus ihren Träumen löste Gefühle aus, die sie sehr lange nicht mehr hatte. Das Klingeln ihres Telefons riß sie aus ihren Gedanken. Sie ließ den Kugelschreiber aus ihrer Hand fallen und griff zum Hörer. "Büro für Ausgrabungen. Helia Menis guten Tag."
"Guten Tag. Andreas Diones. Ich habe gehört, daß sie gerade eine neue Lieferung erhalten haben. Es handelt sich meiner Erkenntnis nach um Ausgrabungsstücke eines alten Apollon-Tempels. Sagen sie ... ist es möglich, die Fundstücke zu besichtigen?" Es schien dem Mann sehr wichtig zu sein. "Das ist nur auf schriftliche Nachfrage möglich, Herr Diones, und die Stücke werden in zwei Wochen auf einer Ausstellung in Korinth gezeigt. Wir arbeiten sie hier nur auf. Und schriftliche Zusagen benötigen, wie jeder weiß, länger." "Gibt es denn keine Möglichkeit? ... Ich meine..." Seine Stimme klang sehr anziehend. Aber das hatte nichts zu sagen. Viele Männer hatten am Telefon eine tolle Stimme. Aber irgendwie... "Raus mit der Sprache, junger Mann. Welcher Schatz raubt ihnen den Schlaf?" Helia sagte es auf ihre freche Art, die ihr niemand übel nahm. Sie lachte und der Herr am anderen Ende schien über ihre Art erleichtert. "Wissen sie. Ich arbeite an der Universität in Korinth und habe über die Ausgrabungen gelesen. Es interessieren mich zwei Stücke, die in dem Artikel kurz beschrieben wurden. Es waren ein Ring und eine Brosche. Ich arbeite gerade an einer Vorlesung über Sonnenkulte, und diese beiden Stücke mit ihrer Symbolik sind mir noch nicht bekannt. Sie wären echt ein Goldschatz, wenn sie da etwas für mich tun könnten...?...äh...Bitte?" Helia mußte herzhaft lachen. "Ein kleiner Charmeur also!" Auch Andreas lachte. "Warten sie kurz. Ich schaue, was ich für sie tun kann." Helia legte den Hörer zur Seite und ging in das Büro ihres Vorgesetzten. Es war ein Mann mittleren Alters. Seine Haare waren schon sehr ergraut. Man sagte oft, daß Männer im Alter mit grauen Haaren attraktiver aussahen. Auch er wirkte charismatisch. Wie immer hatte er einen nachdenklichen Blick, wenn er ein Ausgrabungsstück mit einem Vergößerungsglas betrachtete. "Entschuldigen sie. Ich habe einen Herrn von der Universität in Korinth am Telefon. Er möchte sich gern die Ausgrabungsstücke ansehen, die gerade im Labor aufgearbeitet werden. Ein Herr Diones. Er hat noch keinen schriftlichen Antrag gestellt. Können wir da ein Auge zudrücken?" Er schaute von seinem Fundstück nun auf Helia. "Herr Diones ... bestimmt sein Sohn." Ihr Vorgesetzter grübelte kurz. Nicht wegen der Erlaubnis einer Besichtigung, sondern um seine Erinnerungen an diesen Mann abzurufen. Es dauerte bei ihm manchmal etwas länger. Helia schmunzelte und dachte daran, daß Professoren in Filmen oft so dargestellt werden. "Ja, ja...ist in Ordnung. Er soll seinem Vater einen Gruß von mir bestellen." Sein Blick war schon wieder auf das Fundstück gerichtet.
"Hören sie...?" "Ja!" Dieses 'ja' klang so ungeduldig und angespannt. "Also... Da heute der erste schöne Frühlingstag ist und ich mich bei meinem Vorgesetzten für sie sehr stark eingesetzt habe, machen wir eine Ausnahme." Helia lachte. "Wann haben sie denn das Bedürfnis hier zu erscheinen, Herr Diones?" "Sie sind wirklich ein Goldschatz! Ich könnte Morgen früh in Athen sein. Wann öffnen sie denn ihr Büro?" "Sie können es wohl kaum abwarten? Ich öffne um 8:30 Uhr die Tore. Halten sie es noch so lange aus?" Andreas lachte am anderen Ende der Leitung, und Helia tat es ihm nach. "Das geht gerade noch. Also bis morgen! Wiederhören." "Wiederhören." Helia legte den Hörer zurück in die Halterung, nahm ihren Kugelschreiber wieder in ihre Hand und nahm den gleichen abwesenden Zustand ein, wie vor dem Telefonat. Nun waren es nicht nur die Träume, sondern auch Herr Diones, der ihre Gedanken füllte.

Andreas hatte den Hörer aufgelegt und sah fast gleichzeitig auf seine Uhr. Wenn er sich jetzt beeilen würde, könnte er noch den letzten Zug heute abend nehmen. Der nächste fährt erst am nächsten Morgen. Und das schon um 4:00 Uhr. Er sah sich in seinem Büro um, griff seine Forschungsunterlagen, den Zeitungsbericht über die Ausgrabungen, seine Jacke und seine Schlüssel.
"Marta?" Die Dame am Empfangsschreibtisch sah zu ihm auf. "Sagen sie bitte alle Termine für diese Woche ab. Es hat sich etwas Wichtiges ergeben." Und ehe Marta ihre Anweisung bestätigen konnte, war Andreas schon aus der Tür. So kannte sie ihn. Immer auf dem Sprung, und wenn sich etwas Neues bei seinen Forschungen ergab, war er nicht zu halten.
Nun saß Andreas im Zug nach Athen. Er hatte den Zug nur bekommen, weil er Verspätung hatte. Er lächlete bei dem Gedanken. Manchmal ist der Zufall ihm gut gesinnt. Er lehnte seinen Kopf gegen den Sitz, sah aus dem Fenster und dachte an Dana. Er hatte mit ihr eine heftige Auseinadersetzung, als er ihr von seinem Vorhaben erzählt hatte. Sie waren nun schon so lange zusammen, daß sie doch diese Anwandlungen von ihm akzeptieren müßte. Es kam so oft vor, daß er spontan für einige Tage verschwand. Oder war er in letzter Zeit weniger zu Hause als sonst? Diese Frage mußte er leider mit ja beantworten. Er war so in seine Arbeit vernarrt, daß er es nicht bemerkt hatte. War es nun das Interesse für seine aktuelle Forschung? Und diese Träume in den letzten Monaten. Er hatte das Gefühl als müßte er nach etwas suchen, was er noch nicht gefunden hat. Und dann war da dieser Zeitungsartikel. Oder war es nur ein Vorwand? Er schüttelte seinen Kopf. Für diese Gedanken war er noch nicht bereit. Jetzt wollte er sich unbedingt diese Ausgrabungsstücke ansehen, die in diesem Artikel erwähnt wurden. Der Sonnenkult hatte ihn schon interssiert, als er mit seinem Vater viele Ausgrabungsstätten besichtigt hatte. Er wußte nicht mehr wieviele Bücher er darüber gelesen hatte. Aber die beschriebenen Stücke paßten überhaupt nicht in das Muster seiner Forschungsergebnisse. Er schloß die Augen und schlief sofort ein.

Er verlor sich in den Augen der fremden Frau. "Alles ist eins..."... "Arkas" ... Der Blick über den Berg von Leichen, dann dieses glühende Eisen und der folgende Schmerz...

"Nächster Halt: Athen Hauptbahnhof" Die freundliche Stimme holte ihn aus diesem immer wiederkehrenden Traum. Er faßte sich mit der rechten Hand an seinen Oberkörper. Manchmal war dieser Schmerz so real, daß er nach Luft ringen mußte. Auch heute wieder. Andreas lehnte sich in seinen Sitz, um sich zu beruhigen. Nach einigen Atemzügen war der Schmerz wieder erloschen. Er nahm sein Gepäck und verlies den Zug.

Andreas hatte das Hotel bezogen und zu Abend gegessen. Nun saß er auf dem Balkon und betrachtete die Akropolis. Die Sonne ging gerade unter und tauchte sie in ein wunderschönes, goldenes Licht. Wie so oft dachte er in solchen Momenten an die Geschichten, die mit diesem Ort verbunden waren. Die Zerstörung durch die Perser, Phillip von Makedonien, Olympias von Epirus, sein Sohn Alexander der Große mit seinen treuen Gefährten, Thais, welche die erste Fakel auf Persepolis warf, als Vergeltung für die vergangene Tat...
Ein Gespräch auf der Straße riß ihn aus seinen Gedanken. Es war eher ein Lachen. Es kam ihm irgendwie bekannt vor. Es hörte sich fast so an, wie die Dame am Telefon. Andreas schaute über das Geländer und sah eine junge Frau über die Straße eilen. Aufgrund ihrer Gelassenheit telefonierte sie vermutlich mit einer vertrauten Person. Und wieder dieses Lachen. Die junge Frau gestikulierte zu ihrer Unterhaltung mit ihren Händen. Andreas bemerkte, wie komisch es eigentlich ist, daß man dies tut, ohne demjenigen gegenüberzustehen. Er schmunzelte. Die Frau war nun auf der anderen Straßenseite angekommen, bog weiter schnatternd in einen Eingang der Wohnhäuser und verschwand aus seiner Sicht.
Andreas ging in sein Zimmer, nahm seine Unterlagen und sah auf sein Telefon. Dana hatte immer noch nicht angerufen. Aber auch ihm war nicht danach mit ihr zu sprechen. Sollte denn wirklich das passieren, was er nie für möglich gehalten hat? Wieder schob er diesen Gedanken zur Seite. Er nahm sich seine Unterlagen, legte sich auf sein Bett und ging alle Symboliken noch einmal durch. Er wollte für morgen vorbereitet sein und prägte sich von seinen zusammengetragenen Unterlagen jedes Detail ein. Morgen würde er seine These bestätigen oder seinen Horizont erweitern können. Die Müdigkeit übermannte ihn, und er schlief mit seinen Unterlagen auf dem Bauch ein.

Helia stieg aus ihrem Wagen und öffnete die Tür zum Büro. Sie war heute die Erste. Aber so war Helia immer, wenn sich Besuch angekündigt hatte. Lieber zu früh, als nach dem Gast anzukommen. Vor allem mit ihrem Kaffee-Becher... Sie mußte über sich selbst schmunzeln. Sie betrat die Büroräume, stellte ihre Tasse an ihrem Platz ab und startete ihren Rechner.
"Hallo?... Guten Morgen." Helia schaute von ihrem Arbeitsplatz auf. Im Türrahmen stand ein gutaussehender großer junger Mann mit einer normalen Figur. Er müßte etwas älter sein als ich, dachte sie in einem Bruchteil einer Sekunde. Er hatte kurze dunkle Haare, grüne Augen und trug eine Brille. Helia bemerkte, daß sie ihn sehr anziehend fand. Ein unsicheres "Guten Morgen" fand den Weg über ihre Lippen. Sie spielte nervös an dem Ende ihres Tuches, welches sie legere um ihren Hals trug. Der junge Mann lächelte. "Ich bin Andreas Diones. Und sie müssen der Goldschatz sein." Er reichte Helia seine Hand. Sie lachte und freute sich darüber, daß er ihre Anspannung lösen konnte. Sie reichte ihm ihre Hand und wollte eine ihrer frechen Antworten zurückgeben, doch als sich ihre Hände berührten, zogen schlagartig alle Bilder aus ihren Träumen an ihr vorbei. Ruckartig entriß sie sich dem Händedruck. Sie hielt sich ihre Hand, als hätte sie einen Schlag bekommen und atmete hektisch. Als sie wieder klar sehen konnte sah sie zu Andreas. Voller Staunen mußte sie feststellen, daß auch er irgendwie so wirkte als hätte er gerade das Gleiche erlebt, wie sie.
"Andreas!" Der Professor betrat den Raum. "Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, hast Du noch studiert. Das ist ja eine Freude Dich zu sehen!" Helias´ Vorgesetzter hatte nicht bemerkt, was gerade geschehen war. Helia mußte wieder daran denken, daß er auch in dieser Hinsicht das publizierte Bild eines Professors bestätigte. Andreas und Helia nutzten die Gelegenheit sich zu sammeln. Der Professor legte den Arm um Andreas, verwickelte ihn in ein Gespräch und führte ihn sein Büro. Noch lange blickten sich Andreas und Helia in die Augen. Helia vernahm die Worte des Professors noch aus weiter Ferne. Sie wagte kaum zu atmen. Die Tür schloß sich hinter den beiden Männern, und Helia blieb zurück.
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