17.05.12026, 18:34
Der schiefe Fritz als Erfinder
In der Regel weist man Friedrich III./I. unter den preußischen Herrschern eine marginale Stellung zu. Zwischen seinem Vorgänger, dem Großen Kurfürsten, und seinem Nachfolger, dem Soldatenkönig, verschwand er, reduziert auf den Moment des Kronerwerbs, weitgehend aus der Wahrnehmung.
Der schmächtige Monarch litt unter einer verkrümmten Wirbelsäule und anderen Gebrechen. Der „schiefe Fritz“ – so spotteten die Zeitgenossen – war tatsächlich alles andere als eine blendende Erscheinung. Was jedoch die Bedeutung seiner Ideen, Initiativen und Leistungen oder besser: seinen historischen Rang betrifft, so bedarf das vorherrschende Bild des bislang kleingeschriebenen Königs einer Korrektur. Einer deutlichen. Dies führt der Potsdamer Kunsthistoriker Peter Stephan jetzt in „Friedrich I. Die Erfindung Preußens“ klar vor Augen. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.
Friedrich handelte planvoll
Der Potsdamer Barockexperte richtet in seinem mit zahlreichen Abbildungen versehenen Buch den Fokus stark auf Kunst, vor allem Architektur, in der das Herrschaftsverständnis und die Staatsidee Friedrichs in einer den unvorbereiteten Betrachter unserer Tage oft überfordernden Mannigfaltigkeit und Raffinesse zum Ausdruck kommen. Stephan führt seinen Leser in längeren Passagen, die etwa die Hälfte des Buchumfangs ausmachen, ausführlich durch von Andreas Schlüter und andere realisierte Werke.
Der Autor läßt kein Detail aus und betont, daß – trotz der Eigenleistung der Künstler – letztlich der Auftraggeber, also Friedrich, als Urheber zu betrachten sei. Auch ein instruktives, allgemein gehaltenes Kapitel über „Architektur als gebaute Staatsform“, über das Wechselspiel von Ordo und Dekorum, also von Anordnung und Angemessenheit der jeweiligen Bauelemente, findet sich, natürlich mit Blick auf die Epoche Friedrichs.
Staatsidee und Herrschaftsverständnis und damit die „Erfindung“ Preußens und das Königtum sind insgesamt das Thema Stephans. Gezeigt wird ein planvoll handelnder Friedrich. Weiteres Biographisches kommt nicht zu kurz, wird aber eher knapp abgehandelt. Friedrichs Vater, der Große Kurfürst, war wenig glücklich, diesen Sohn zum Nachfolger aufbauen zu müssen. An eine Aufteilung des Landes unter seine Söhne dachte er gar, womit es niemals eine Großmacht Preußen gegeben hätte. Friedrich setzte aber seine Ansprüche durch. Seit 1688 als Friedrich III. brandenburgischer Kurfürst, habe er sehr gezielt, so Stephan, die prestigeträchtige Rangerhöhung zum König betrieben. Erstmals aktenkundig wurden die Bestrebungen 1692.
Am 18. Januar 1701 konnte er sich schließlich in Königsberg selbst die Krone aufsetzen, nunmehr als Friedrich I. Als kleiner Makel blieb, daß er nur König "in Preußen" war, nicht "von Preußen", die Königswürde bezog sich de jure nur auf das ehemalige Herzogtum Preußen, nicht auf das 1466 an Polen abgetretene „Preußen königlichen Anteils“. Dennoch war die Bedeutung des Kronerwerbs für das Zusammenwachsen seines Herrschaftsgebietes und die spätere Machstellung Preußens – der Name des Herzogtums ging auf den gesamten Herrschaftsbereich über – kaum zu überschätzen.
Maß und Mäßigung waren Friedrichs Leitlinien
Prinz Eugen bemerkte, man hätte demjenigen, der dem Kaiser geraten habe, dem Kronerwerb zuzustimmen, den Kopf vor die Füße legen müssen. Das Nebeneinander der unterschiedlichen Legitimationsstrategien Friedrichs – „Erwerb der Herrschaft aus eigner Kraft“, „Verdienste der eigenen Dynastie“ sowie „Anerkennung seitens des Volkes“ – erklärt Stephan und zeigt auf, daß sich hieraus für uns ergebende Widersprüche dem Zeitgenossen des Barock keineswegs als solche erschienen wären.
Besonderes Augenmerk der Darstellung liegt auf Friedrichs Wahlspruch „Suum cuique“, auf dem antiken „Jedem das Seine“. Das Naturrecht habe Friedrich als Grundlage betrachtet, hier beraten von und in vollem Einklang mit dem Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz. Im Naturrecht kann das Recht nicht durch den Herrscher gesetzt werden. Derartige Orientierungen seien etwa dem französischen König Ludwig XIV., der mehrfach als Vergleich herangezogen wird, völlig fremd gewesen.
Maß und Mäßigung galten Friedrich als Leitlinien, der aus „Suum cuique“ für sich das Recht auf sein Königtum ableitete. Neben Leibniz seien es Gelehrte wie Chr*stian Thomasius, Chr*stian Wolff oder Samuel Pufendorf gewesen, aus deren Gedankenwelt Friedrich geschöpft habe. Friedrichs Preußen sei, so Stephan, ganz anders gedacht gewesen als das der Nachfolger, von diesen sei die „äußere Hülle (…) mit anderem Inhalt gefüllt worden“.
Vielzahl von Gründungen geht auf Friedrich III./I. zurück
„Suum cuique“ sollte auch die Devise des „Schwarzen Adlerordens“ werden, der einen Tag vor der Königsberger Krönung gestiftet wurde. Stephan meint, daß dieser Orden, der sich auf den Deutschen Orden und das Vorgängerreich der Prussen bezog, Voraussetzung und Rechtsgrundlage der Krönung gewesen sei – eine These, die der Autor selbst für „gewagt“ hält, allerdings nachvollziehbar begründet. Als Friedensherrscher wird Friedrich beschrieben, der ihm stets unterstellte Hang zur Verschwendung als staatsmännische Notwendigkeit dargestellt, was ein wenig bemüht anmutet.
Stephan, der ausführt, daß „Erfindung“ im Zusammenhang mit dem preußischen Staat eher im Sinne der lateinischen „inventio“, also eines Gesamtentwurfs zu verstehen sei, ordnet eine Vielzahl von Gründungen in Friedrichs Plan ein – etwa die Universität Halle, entstanden 1694, oder die Franckeschen Stiftungen, entstanden 1698.
Und die Herrschaft Friedrichs III./I. finde ihren Ausdruck eben in der Kunst: im Reiterstandbild des Großen Kurfürsten, mit welchem der Sohn diesen für sein Programm quasi vereinnahmt habe, im Berliner Zeughaus, das mit seiner Symbolik gegen die dictamen stehe, und insbesondere im Berliner Schloß. In diesem Werk Schlüters sei etwa in der Fassade der Ordensmantel des „Schwarzen Adlers“ versinnbildlicht, „der dem „Baukörper gleichsam umgelegt wurde, wobei der Adlerfries unterhalb der Traufkante die Halskette bildet, die über dem Mantel getragen wurde“.
Mag sein, daß man nicht nahezu alle einigermaßen relevanten Entwicklungen der Herrschaftszeit Friedrichs auf diesen selbst zurückführen muß, wie es Stephan tut. Jedoch dürfte es spätestens mit dessen Arbeit an der Zeit sein, dem „schiefen Fritz“ endlich den ihm zustehenden Platz im preußischen Pantheon zu gewähren.
In der Regel weist man Friedrich III./I. unter den preußischen Herrschern eine marginale Stellung zu. Zwischen seinem Vorgänger, dem Großen Kurfürsten, und seinem Nachfolger, dem Soldatenkönig, verschwand er, reduziert auf den Moment des Kronerwerbs, weitgehend aus der Wahrnehmung.
Der schmächtige Monarch litt unter einer verkrümmten Wirbelsäule und anderen Gebrechen. Der „schiefe Fritz“ – so spotteten die Zeitgenossen – war tatsächlich alles andere als eine blendende Erscheinung. Was jedoch die Bedeutung seiner Ideen, Initiativen und Leistungen oder besser: seinen historischen Rang betrifft, so bedarf das vorherrschende Bild des bislang kleingeschriebenen Königs einer Korrektur. Einer deutlichen. Dies führt der Potsdamer Kunsthistoriker Peter Stephan jetzt in „Friedrich I. Die Erfindung Preußens“ klar vor Augen. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.
Friedrich handelte planvoll
Der Potsdamer Barockexperte richtet in seinem mit zahlreichen Abbildungen versehenen Buch den Fokus stark auf Kunst, vor allem Architektur, in der das Herrschaftsverständnis und die Staatsidee Friedrichs in einer den unvorbereiteten Betrachter unserer Tage oft überfordernden Mannigfaltigkeit und Raffinesse zum Ausdruck kommen. Stephan führt seinen Leser in längeren Passagen, die etwa die Hälfte des Buchumfangs ausmachen, ausführlich durch von Andreas Schlüter und andere realisierte Werke.
Der Autor läßt kein Detail aus und betont, daß – trotz der Eigenleistung der Künstler – letztlich der Auftraggeber, also Friedrich, als Urheber zu betrachten sei. Auch ein instruktives, allgemein gehaltenes Kapitel über „Architektur als gebaute Staatsform“, über das Wechselspiel von Ordo und Dekorum, also von Anordnung und Angemessenheit der jeweiligen Bauelemente, findet sich, natürlich mit Blick auf die Epoche Friedrichs.
Staatsidee und Herrschaftsverständnis und damit die „Erfindung“ Preußens und das Königtum sind insgesamt das Thema Stephans. Gezeigt wird ein planvoll handelnder Friedrich. Weiteres Biographisches kommt nicht zu kurz, wird aber eher knapp abgehandelt. Friedrichs Vater, der Große Kurfürst, war wenig glücklich, diesen Sohn zum Nachfolger aufbauen zu müssen. An eine Aufteilung des Landes unter seine Söhne dachte er gar, womit es niemals eine Großmacht Preußen gegeben hätte. Friedrich setzte aber seine Ansprüche durch. Seit 1688 als Friedrich III. brandenburgischer Kurfürst, habe er sehr gezielt, so Stephan, die prestigeträchtige Rangerhöhung zum König betrieben. Erstmals aktenkundig wurden die Bestrebungen 1692.
Am 18. Januar 1701 konnte er sich schließlich in Königsberg selbst die Krone aufsetzen, nunmehr als Friedrich I. Als kleiner Makel blieb, daß er nur König "in Preußen" war, nicht "von Preußen", die Königswürde bezog sich de jure nur auf das ehemalige Herzogtum Preußen, nicht auf das 1466 an Polen abgetretene „Preußen königlichen Anteils“. Dennoch war die Bedeutung des Kronerwerbs für das Zusammenwachsen seines Herrschaftsgebietes und die spätere Machstellung Preußens – der Name des Herzogtums ging auf den gesamten Herrschaftsbereich über – kaum zu überschätzen.
Maß und Mäßigung waren Friedrichs Leitlinien
Prinz Eugen bemerkte, man hätte demjenigen, der dem Kaiser geraten habe, dem Kronerwerb zuzustimmen, den Kopf vor die Füße legen müssen. Das Nebeneinander der unterschiedlichen Legitimationsstrategien Friedrichs – „Erwerb der Herrschaft aus eigner Kraft“, „Verdienste der eigenen Dynastie“ sowie „Anerkennung seitens des Volkes“ – erklärt Stephan und zeigt auf, daß sich hieraus für uns ergebende Widersprüche dem Zeitgenossen des Barock keineswegs als solche erschienen wären.
Besonderes Augenmerk der Darstellung liegt auf Friedrichs Wahlspruch „Suum cuique“, auf dem antiken „Jedem das Seine“. Das Naturrecht habe Friedrich als Grundlage betrachtet, hier beraten von und in vollem Einklang mit dem Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz. Im Naturrecht kann das Recht nicht durch den Herrscher gesetzt werden. Derartige Orientierungen seien etwa dem französischen König Ludwig XIV., der mehrfach als Vergleich herangezogen wird, völlig fremd gewesen.
Maß und Mäßigung galten Friedrich als Leitlinien, der aus „Suum cuique“ für sich das Recht auf sein Königtum ableitete. Neben Leibniz seien es Gelehrte wie Chr*stian Thomasius, Chr*stian Wolff oder Samuel Pufendorf gewesen, aus deren Gedankenwelt Friedrich geschöpft habe. Friedrichs Preußen sei, so Stephan, ganz anders gedacht gewesen als das der Nachfolger, von diesen sei die „äußere Hülle (…) mit anderem Inhalt gefüllt worden“.
Vielzahl von Gründungen geht auf Friedrich III./I. zurück
„Suum cuique“ sollte auch die Devise des „Schwarzen Adlerordens“ werden, der einen Tag vor der Königsberger Krönung gestiftet wurde. Stephan meint, daß dieser Orden, der sich auf den Deutschen Orden und das Vorgängerreich der Prussen bezog, Voraussetzung und Rechtsgrundlage der Krönung gewesen sei – eine These, die der Autor selbst für „gewagt“ hält, allerdings nachvollziehbar begründet. Als Friedensherrscher wird Friedrich beschrieben, der ihm stets unterstellte Hang zur Verschwendung als staatsmännische Notwendigkeit dargestellt, was ein wenig bemüht anmutet.
Stephan, der ausführt, daß „Erfindung“ im Zusammenhang mit dem preußischen Staat eher im Sinne der lateinischen „inventio“, also eines Gesamtentwurfs zu verstehen sei, ordnet eine Vielzahl von Gründungen in Friedrichs Plan ein – etwa die Universität Halle, entstanden 1694, oder die Franckeschen Stiftungen, entstanden 1698.
Und die Herrschaft Friedrichs III./I. finde ihren Ausdruck eben in der Kunst: im Reiterstandbild des Großen Kurfürsten, mit welchem der Sohn diesen für sein Programm quasi vereinnahmt habe, im Berliner Zeughaus, das mit seiner Symbolik gegen die dictamen stehe, und insbesondere im Berliner Schloß. In diesem Werk Schlüters sei etwa in der Fassade der Ordensmantel des „Schwarzen Adlers“ versinnbildlicht, „der dem „Baukörper gleichsam umgelegt wurde, wobei der Adlerfries unterhalb der Traufkante die Halskette bildet, die über dem Mantel getragen wurde“.
Mag sein, daß man nicht nahezu alle einigermaßen relevanten Entwicklungen der Herrschaftszeit Friedrichs auf diesen selbst zurückführen muß, wie es Stephan tut. Jedoch dürfte es spätestens mit dessen Arbeit an der Zeit sein, dem „schiefen Fritz“ endlich den ihm zustehenden Platz im preußischen Pantheon zu gewähren.
Entweder man findet einen Weg oder man schafft einen Weg!
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