Starke Frauen
#21
Maria Reiche

   

Linien und riesige Symbole ziehen sich durch die Wüste von Nasca. Die Sonne strahlt an ihren Bahnen entlang, und es scheint, als ob die Linien bis über den Horizont hinausreichen. Relikte aus einer Zeit, die vergessen wurde. Was können sie bedeuten? Liebevoll fegt Maria Reiche die Linien mit ihrem Besen frei. Die Einheimischen nennen sie deswegen "Bruja alemana", die deutsche Hexe. Maria steht vor ihrem Lebenswerk.

   

Maria Reiche ist die Frau, die mit ihrer ganzen Kraft, ihrer Willensstärke und ihrem Mut dafür gesorgt hat, daß wir die Nasca-Linien und -Gebilde überhaupt kennen und daß sie erhalten wurden. Ohne ihr Wirken wären sie durch Baumwollfelder zerstört worden und damit wieder ein Teil der ursprünglichen Geschichte eines Landes und Volkes verloren. Maria Reiche ist eine Frau, die alle persönlichen Belange nach Hinten stellte und sich den widrigsten Umständen widersetzte, um dieses alte Vermächtnis der Vorfahren wieder in das Bewußtsein der Menschen zu bringen und zu erhalten.

   

Maria Reiche wurde am 15. Mai 1903 in Dresden geboren. Ihre Eltern waren der Amtsgerichtsrat Felix Reiche-Große und Anna Elisabeth, geb. Neumann. Maria ist die älteste von drei Kindern. Durch ihren gut sittuierten Status wird Maria gut gefördert und studiert Mathematik, Physik, Geographie, Philosophie und Pädagogik. Nach ihrem Studium arbeitet sie als Lehrerin in Dresden und später wohl auch in Hamburg.
1932 ist der Moment, an dem sie ihren Weg nach Peru einschlägt. Als sie in ihrer neuen Heimat eintrifft, begrüßt sie ein 4-facher Regenbogen. Das ist der erste Augenblick, der Maria mit Peru verbindet. Sie nimmt eine Stelle als Hauslehrerin beim deutschen Konsul in Cusco an. 1934 siedelt sie nach Lima, um auch hier als Lehrerin, Gymnastiklehrerin und Übersetzerin zu arbeiten. Ihr engste Freundin wird die Engländerin Amy Merredith. Über sie lernt sie den amerikanischen Wissenschaftler Professor Paul Kosok kennen, der den Stein ins Rollen bringt. Kosok wollte eigentlich Pyramiden erforschen, doch auch er ist fasziniert von den Linien, die sich durch die Wüste ziehen. In einer Juni-Nacht breitet Kosok vor Maria ein großes Bilderbuch mit eigenartigen Zeichnungen aus. Beide diskutieren darüber die ganze Nacht. Im Dezember 1934 ist es dann endlich soweit. Maria reist das erste Mal zu den Nasca-Linien. Ziel ist es zu  erforschen, ob es sich bei den Linien um sogenannte Sonnenwendlinien handelt. Maria entdeckt dabei eine schmale Linie, die direkt zum Horizont führt und die Sonne exakt an ihrem Ende zur Wintersonnenwende untergeht. Ab diesem Moment sind dieser Ort und seine Rätsel mit Maria Reiche fest verbunden, und dieses Band wird bis an ihr Lebensende bestehen.

   
Maria Reiche und Paul Kosok

Doch durch den 2. Weltkrieg wird ihr Vorhaben ausgebremst. 5 Jahre gehen ins Land, in denen sie als Lehrerin arbeitet und die Buchhaltung für ihre Freundin Amy übernimmt. Nun endlich packt Maria ihre Koffer, läßt Lima hinter sich und reist per Anhalter nach Nasca. Sie hält direkt an den Wüstenlinien und folgt einer Linie nach Westen, die in einer Spirale endet, die sich später als die große Spinne herausstellt. Sie beginnt mit ihrer unermüdlichen Arbeit, die Linien zu fotografieren, zu zeichen und zu kartographieren. Sie findet weitere Figuren, die in den Sand gezeichnet wurden und stellt fest, daß die Linien, die mit den Figuren verbunden sind, zu Sternbildern führen, die vor mehr als tausend Jahren an dieser Stelle aufgegangen sind. Der Affe zum Beispiel führt zu dem Sternbild, das wir als Großen Wagen bezeichnen. Er kündet im Jahr das Wasser in den trockenen Flußbetten an. Die Spinne führt uns zum Sternbild des Orion und kündigt die Zeit an, in der es in der Region regnet. Ein Kosmischer Kalender liegt vor uns in der Wüste, wie wir ihn bereits aus vielen Ländern kennen.

   
Der Lebensbaum, der uns allen Kulturen begegnet

Doch das Problem ist: Es interessiert sich kaum jemand für diese archäologische Fundstätte. Auch Paul Kosok widmet sich anderen Projekten. Marie ist auf sich selbst gestellt. Sie entscheidet sich, direkt in die Wüste zu ziehen. Sie nimmt ein Zimmer im Haus eines Landarbeiters. Keine Kochstelle, kein Wasser und kein Strom, am „Rande der Pampa“. Minimalistischer kann man kaum leben. Maria ist meistens zu Fuß in der Wüste unterwegs. Es ist heiß, und die mangelhafte Ernährung macht Maria zu schaffen. Doch ihr Wille treibt sie an. Sie will verstehen, was diese Linien bedeuten.

Zitat:Die Linien müssen wieder hergestellt werden. Ich werde herausfinden, wie die Nazca diese Figuren erschaffen haben, und ich werde lernen, wieso sie sie erschaffen haben.

1955 kauft die Gesellschaft für Bewässrungsprojekte 20.000 Hektar Land in Nasca. Ein Teil der Ebene soll bewässert werden, womit ein Teil der archäologischen Fundstätte zerstört werden würde. Und auch hier ist es Maria Reiche, die wieder unermüdlich jede mögliche Behörde anschreibt und besucht, um den Erhalt dieses Ortes zu sichern. Es gelingt ihr, daß sie vom Präsidenten in Lima angehört wird und erreicht als deutsche Frau, daß die Pläne zum Bewässerungsprojekt nicht umgesetzt werden. Dadurch erhält sie auch größere Bekanntheit und bekommt zum ersten Mal finanzielle Unterstützung.
In den 60ern reist sie nach Deutschland zurück, um ihr Buch zu schreiben. Das Heimweh nach Peru ist zu groß. Und als sie zurückkehrt, steht sie vor neuen Schwierigkeiten: Touristen. Erich von Dänicken hat einen großen Anteil daran. Doch die Touristen zerstören durch ihre Unaufmerksamkeit die mühevoll freigelegten Linien und Symbole. Auch dafür hat Marie eine Lösung. Sie baut einen Aussichtsturm und stellt von ihrem Geld Wachmänner ein, die die Fundstätte sichern.

Zitat:“Die Hotels in Nazca füllen sich mit Leuten, die die Pampa ansehen (und zertrampeln), trotzdem will niemand etwas für die Erhaltung tun“, schrieb sie in einem Brief an ihre Mutter. “Die vielen Wagenspuren auf der Pampa tun mir weh. Die Spinne ist ganz zertrampelt. Ich werde jetzt den Präsidenten dazu bringen, im Hubschrauber über die Pampa zu fliegen, damit er sich endlich von der Notwendigkeit überzeugt, die Sache unter Denkmalschutz zu stellen.“

Als Jim Woodman mit einem historischen Ballon in der Nasca-Wüste landet, gib es einen Presserummel, der dazu führt, daß das Nationalinstitut für Kultur die Wüste als Schutzgebiet erklärt. Nun kann sich Maria voll und ganz wieder ihrer Forschung widmen. Zu diesem Zeitpunkt ist sie bereits 73. Mit ihrer Ausstellung „Peruanische Erdzeichnungen“ reist sie durch Europa. Sie hält Voträge an der Londoner Universität. Es ist für sie der Höhepunkt ihres Lebens.
Nur durch die Mühen von Maria Reiche wurden die Nasca-Linien kartiert und sind heute Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Maria ist am Ziel ihrer Reise und ihres Vorhabens. Maria Reiche verstirbt am 8. Juni 1998 im Alter von 95 Jahren in Lima, Peru. Sie wurde neben ihrer Lehmhütte direkt neben ihrem Erbe, den Nasca-Linien beerdigt.

Zitat:"Nasca ist das Land des ewigen Sonnenscheins und ich sehe vor mir schon die weiten Horizonte der Pampa, die sich braunrot in der Sommersonne ausbreitet, einsam und geheimnisvoll, ohne eine Spur von tierischem oder pflanzlichem Leben, geschweige denn Menschen. Für viele ist es zu öde und verlassen, für mich ist es mein Land, und ich fühle mich eins mit dem weiten Himmel, dem dunklen steinigen Boden, der weiten Ebene, auf der ein Mensch sich verliert wie ein kleiner unsichtbarer Punkt in der Ferne. Ich spüre bei der Arbeit nicht Hunger und Durst und älter werden."
-Maria Reiche-
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