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Fräulein Smilla und die Grönlandkinder
#1
Die Grönlandkinder

   
Grönländische Kinder in traditioneller Kleidung

Das Schicksal der Grönlandkinder mag in einer Zeit der Massenmigration nicht mehr sonderlich aufregend erscheinen > wenngleich die Anzahl jener Zeitgenossen, die es mit den Angehörigen fremder Völker und insbesondere mit ihren Kindern „gut meinen“, erheblich zugenommen hat. Die Geschichte der Grönlandkinder, die 1951 mit dem Fährschiff Disko nach Dänemark gebracht wurden, sollte uns jedoch nachdenklich stimmen.

„In der Sprache, die nicht mehr meine ist, heißt der Schnee qanik, er schichtet sich zu Stapeln, fällt in großen, fast schwerelosen Kristallen und bedeckt die Erde mit einer Schicht aus pulverisiertem, weißem Frost.“

Da gab es kein Halten mehr, ich war dem Roman schon nach den ersten Zeilen von: „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ verfallen, und die eigentlich drängende Frage, wie es denn sein kann, daß jemand seine Sprache verliert (?) geriet mir nicht mehr aus dem Sinn. Erst Jahre später erfuhr ich durch einen Bericht der BBC, daß die Sprache, die Fräulein Smilla aufgab, allen grönländischen Kindern zu sprechen verboten worden ist.

Denn das geschah im Mai 1951: Im Hafen der grönländischen Hauptstadt Nuuk legt das Fährschiff „Disko“ zur Fahrt nach Kopenhagen ab. Unter den Passagieren sind zweiundzwanzig Kinder, darunter die sechsjährige Helene Thiesen. Wie die übrigen Kinder ist sie von Angehörigen des dänischen Roten Kreuzes und eines Kinderhilfswerkes ausgesucht worden, um in Dänemark erzogen zu werden und dem Leid auf der Insel Grönland (damals dänische Kolonie) zu entgehen: bedrückende Armut, Unterernährung, keine Bildungsmöglichkeiten, Tuberkulose und andere Übel.

Sicherlich ist es überdies Absicht der Verantwortlichen, aus den Kindern „neue Menschen“ zu erschaffen, „kleine Dänen“, eine Elite, mit deren Hilfe die Kolonie künftig gestaltet wird. Die Eltern hat man mehrfach bedrängt, ihnen erzählt, welche wunderbaren Möglichkeiten der Aufenthalt in der Fremde ihren Kindern bietet. Zudem würden sie ohnehin nach einem halben Jahr heimkehren, und auch eine grönländische Tradition, nach der bisweilen Kinder an kinderlose Paare vergeben werden, begünstigt die Werber.

Also lehrt man Helene Thiesen noch während der Überfahrt, wie man mit Messer und Gabel ißt sowie andere nützliche Dinge: zum Beispiel das „Fletchern“, bei dem jeder Bissen zweiunddreißigmal gekaut wird, um die Verdauung zu erleichtern. In das Tischgebet, welches sie natürlich in dänischer Sprache sprechen muß, schließt sie die Königin ein. Und diese Königin besucht die „kleinen Dänen“ schon bald in Fedgaarden, dem Kopenhagener Heim, in dem sie zur Quarantäne untergebracht werden. Es gibt Photographien von dieser Begegnung, auf denen die Kinder wie zu Eis erstarrt erscheinen.

Seit sie Grönland verlassen haben, ist es ihnen verboten worden, ihre Sprache zu sprechen, und dazu dient auch ihr Aufenthalt in Pflegefamilien. Helene reagiert darauf, indem sie bei ihren ersten Pflegeeltern stumm bleibt und sich nur hin und wieder durch Nicken oder Kopfschütteln verständigt. Erst in einer zweiten Familie beginnt sie zu sprechen. Aber bis auf den Umstand, daß die Tochter der Pflegeeltern sie das Stricken lehrte, wird sie späterhin wenig Gutes aus dieser Zeit berichten können. Mehrere Rundfunksendungen sowie ein Magazin, das im Dezember 1951 auf Hochglanzseiten über die Grönlandkinder berichtet, vermelden hingegen, die allgemein als „Experiment“ bezeichnete Integration der kleinen Eskimos verlaufe überaus erfolgreich.

Aus der erhofften Elite werden entwurzelte Menschen

Sechzehn der zweiundzwanzig Inuitkinder kehren im Oktober 1952 in ein vom Roten Kreuz betriebenes Kinderheim nach Nuuk zurück – die übrigen werden in Dänemark zur Adoption freigegeben. Als die „Disko“ anlegt, wird Helene Thiesen von ihrer Mutter erwartet. Sie redet erregt, erzählt von der Zeit in Dänemark und merkt erst nach einer Weile, daß ihre Mutter sie nicht versteht, weil sie dänisch spricht. Solche kurzen Zusammenkünfte mit den nicht selten entfernt lebenden Eltern sind den Kindern künftig nur noch sonntags gestattet. Und es kommt, wie es kommen muß: Am Schluß des „Experimentes“ werden aus der erhofften Elite entwurzelte Menschen, die weder Anschluß an ihre Familien noch an die sie umgebende Gesellschaft finden. Auch Helene Thiesen verliert die Bindung an ihre Familie, wird aber dennoch zur Ausnahme, studiert in Dänemark, heiratet einen Dänen. Allerdings suchen sie, ihr Mann beklagt es, weiterhin Depressionen heim, und sie weint oft.

Heute sind mehr als die Hälfte der Grönlandkinder bereits tot. Selten wurden sie älter als fünfzig Jahre, mehrere nahmen sich das Leben. Daran mögen zuweilen auch Obdachlosigkeit, Alkoholabhängigkeit und die Trostlosigkeit des grönländischen Winters beteiligt gewesen sein, aber entscheidend für das Schicksal der Kinder war gewiß ihre Verschleppung. Die dafür Verantwortlichen behaupteten späterhin, sie hätten es „doch nur gut gemeint“. Das ist eine von solchen Menschen gemeinhin gebrauchte Lüge: Es ging ihnen jedoch nur darum, ihre Ideologie durchzusetzen, Macht über andere auszuüben. Die Folgen interessierten sie nicht. Den Predigern umfassender Menschenliebe – sie vermeiden es immer klug, dergleichen zunächst einmal auf einzelne Vertreter unserer Spezies zu beschränken – erscheint es überflüssig, Nachwirkungen ihres Handelns zuvor zu bedenken oder später tätig zu mildern.

Das Schicksal der Grönlandkinder mag in einer Zeit der Massenmigration nicht mehr sonderlich aufregend erscheinen, wenngleich die Anzahl jener Zeitgenossen, die es mit den Angehörigen fremder Völker und insbesondere mit ihren Kindern „gut meinen“, erheblich zugenommen hat. Was sie eint, habe ich nie verstehen können.
EigenSinnige Frauen
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