Vor 11 Stunden
Der olle Göthe sah in der Großstadt schon vor mehr als 200 Jahren einen Menschen, der im „Taumel von Erwerben und Verzehren“ seine innere Freiheit verliert. Heute sitzen seine Nachfahren vor dem Smartphone: ständig stimuliert, politisch geframt und zunehmend unfähig zur Sammlung. Was bleibt da vom Leben oder von der Kunst?
Im Sommer 1797 machte Göthe auf seiner Reise in die Schweiz drei Wochen lang Station in seiner Geburtsstadt Frankfurt, die damals rund 40.000 Einwohner zählte. Der Unterschied zur Residenzstadt Weimar mit ihren gerade mal 6.000 Einwohnern war enorm. Am 9. August berichtete er Schiller über seine Eindrücke: „Sehr merkwürdig ist mir aufgefallen, wie es eigentlich mit dem Pöbel einer großen Stadt beschaffen ist. Es lebt in einem ständigen Taumel von Erwerben und Verzehren, und das was wir Stimmung nennen, läßt sich weder hervorbringen noch mitteilen, alle Vergnügungen, selbst die Theater, sollen nur zerstreuen und die große Neigung des lesenden Publikums zu Journalen und Romanen entsteht eben daher, weil jene immer und diese meist Zerstreuung in die Zerstreuung bringen.“
Göthe hatte die allgemeine Beschleunigung des Lebens in der Großstadt und in der modernen Arbeitswelt erfahren. Frankfurt war bereits ein wichtiger Handels- und Finanzplatz, auch wenn die Wirtschaft unter den Folgen der Koalitionskriege und den hohen Kontributionszahlungen an Frankreich litt. Was Göthe wahrnahm, waren die Anfänge dessen, was Marx einige Jahrzehnte später als Entfremdung in der arbeitsteiligen Gesellschaft beschrieb. Die Entfremdung des Menschen – der Verlust des Selbst an die Zwänge der Verhältnisse, die Benommenheit, der „Taumel“ – setzte sich über die Erwerbszeit hinaus fort. Das kulturelle Leben spielte sich auf Trivialniveau ab. Statt nach innerer Sammlung, Selbstbesinnung, „Stimmung“, suchten die Menschen nach Amüsement und Zerstreuung. Keine gute Zeit für hohe Literatur und Poesie.
Schiller meint zu diesem, von Göthe angesprochenem Thema: "die Kunst sei „das gemeinschaftliche Objekt beider Triebe, das heißt des Spieltriebs. Im Genuß des Kunstwerks wird der Mensch in einen ästhetischen Zustand versetzt, in dem das Sinnliche und die Natur einerseits und Vernunft und Moral andererseits zusammenfallen. Der Künstler schöpft aus dem Stofflichen, er formt es mit Blick auf das Ideal und verschafft dem Leser, dem Betrachter, Hörer, Zuschauer die Erfahrung der Schönheit. Derart aus dem Alltag herausgehoben, im Spiel der Kunst, fügt sich ihnen ihre zersplitterte Existenz momentweise zu einem Ganzen." Und Schiller gipfelte in einen seiner berühmten Sätze:
„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“
Im Sommer 1797 machte Göthe auf seiner Reise in die Schweiz drei Wochen lang Station in seiner Geburtsstadt Frankfurt, die damals rund 40.000 Einwohner zählte. Der Unterschied zur Residenzstadt Weimar mit ihren gerade mal 6.000 Einwohnern war enorm. Am 9. August berichtete er Schiller über seine Eindrücke: „Sehr merkwürdig ist mir aufgefallen, wie es eigentlich mit dem Pöbel einer großen Stadt beschaffen ist. Es lebt in einem ständigen Taumel von Erwerben und Verzehren, und das was wir Stimmung nennen, läßt sich weder hervorbringen noch mitteilen, alle Vergnügungen, selbst die Theater, sollen nur zerstreuen und die große Neigung des lesenden Publikums zu Journalen und Romanen entsteht eben daher, weil jene immer und diese meist Zerstreuung in die Zerstreuung bringen.“
Göthe hatte die allgemeine Beschleunigung des Lebens in der Großstadt und in der modernen Arbeitswelt erfahren. Frankfurt war bereits ein wichtiger Handels- und Finanzplatz, auch wenn die Wirtschaft unter den Folgen der Koalitionskriege und den hohen Kontributionszahlungen an Frankreich litt. Was Göthe wahrnahm, waren die Anfänge dessen, was Marx einige Jahrzehnte später als Entfremdung in der arbeitsteiligen Gesellschaft beschrieb. Die Entfremdung des Menschen – der Verlust des Selbst an die Zwänge der Verhältnisse, die Benommenheit, der „Taumel“ – setzte sich über die Erwerbszeit hinaus fort. Das kulturelle Leben spielte sich auf Trivialniveau ab. Statt nach innerer Sammlung, Selbstbesinnung, „Stimmung“, suchten die Menschen nach Amüsement und Zerstreuung. Keine gute Zeit für hohe Literatur und Poesie.
Schiller meint zu diesem, von Göthe angesprochenem Thema: "die Kunst sei „das gemeinschaftliche Objekt beider Triebe, das heißt des Spieltriebs. Im Genuß des Kunstwerks wird der Mensch in einen ästhetischen Zustand versetzt, in dem das Sinnliche und die Natur einerseits und Vernunft und Moral andererseits zusammenfallen. Der Künstler schöpft aus dem Stofflichen, er formt es mit Blick auf das Ideal und verschafft dem Leser, dem Betrachter, Hörer, Zuschauer die Erfahrung der Schönheit. Derart aus dem Alltag herausgehoben, im Spiel der Kunst, fügt sich ihnen ihre zersplitterte Existenz momentweise zu einem Ganzen." Und Schiller gipfelte in einen seiner berühmten Sätze:
„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“
Entweder man findet einen Weg oder man schafft einen Weg!
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