Normannen
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Normannen

   

Von der deutschen Öffentlichkeit unbemerkt, spielt sich eine seltsame britisch-französische Kontroverse ab. Auslöser ist der Plan, den „Teppich von Bayeux“ ab September im Britischen Museum zu präsentieren. Normalerweise wird dieses einmalige Beispiel mittelalterlicher Textilkunst in einem eigens errichteten Museum der normannischen Stadt Bayeux gezeigt. Das bedarf nun einer umfangreichen Renovierung, weshalb einer zeitweisen Leihgabe nichts im Wege zu stehen schien. Aber schon kurz nach Bekanntwerden des Plans meldeten sich in Frankreich erste Kritiker zu Wort, die vor den Gefahren des Transports warnten, und einige mutmaßten sogar, das „perfide Albion“ könnte die Absicht haben, den Teppich gleich ganz zu behalten.

Will man dieser Sorge ein gewisses Maß an Rationalität zugestehen, dann, weil der Teppich wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts in Südengland angefertigt wurde und auf einer Länge von beinahe 70 Metern in 58 gestickten Szenen Kampf und Sieg des normannischen Herzogs Wilhelm – zuerst „der Bastard“, später „der Eroberer“ – zeigt, der 1066 England unterwarf, sich zum König krönen ließ und eine neue Dynastie gründete. Ein Vorgang, der in späterer Zeit inspirierend wirkte. Napoleon befahl, während er seinerseits eine Invasion auf den britischen Inseln plante, den Transport des Teppichs nach Paris, weil „inmitten der gewaltigen Vorbereitungen, die gegenwärtig im Gange sind, der Anblick eines berühmten Denkmals in der Hauptstadt den allgemeinen Enthusiasmus und die Begeisterung des Volkes heben“ würde.

Auch bei der deutschen Aktion "Unternehmen Seelöwe“ im Jahr 1940 (ein Schwerthieb über den Kanal) wurde der wundersame Teppich mit dem Triumph der Normannen verknüpft. Der Teppich wurde unter der Aufsicht des „Ahnenerbes der SS“ sorgfältig untersucht und sicherheitshalber ausgelagert, kehrte aber nach Kriegsende nach Bayeux zurück.

   
Wilhelm der Eroberer (Wilhelm der Bastard) dargestellt auf dem Teppich von Bayeux.


Der Teppich wird dort in Bayeux jährlich von etwa 400.000 Menschen besichtigt und zählt zu den wichtigsten touristischen Zielen Frankreichs. Der historische Hintergrund seiner Entstehung spielt dabei kaum eine Rolle: Weder die Stellung Wilhelms als einer der mächtigsten Vasallen des französischen Königs noch die Art und Weise, wie er seine – unsoliden – Ansprüche auf die Nachfolge des englischen Königs Eduards des Bekenners erhob, noch die Umstände, die zur Niederlage der autochthonen Angelsachsen unter Führung Harald Godwinsons führten, der in der Schlacht bei Hastings Krone und Leben verlor.

In der Folge unterwarf Wilhelm das Gebiet bis zur schottischen und walisischen Grenze mit äußerster Brutalität und etablierte eine Art Kolonialherrschaft. An deren Spitze standen die Invasoren – französischsprechende normannische Adlige, etwa sechs Prozent der Bevölkerung –, an deren Basis die Angelsachsen. Der große englische Historiker Thomas Macaulay urteilte deshalb, daß die Schlacht bei Hastings „die englische Geschichte für eineinhalb Jahrhunderte beendete“, und noch in der populären Überlieferung von Robin Hood blieb die Erinnerung an den Konflikt zwischen Siegern und Besiegten lebendig.

Die verschwand nicht einmal ganz, nachdem während des Hundertjährigen Krieges gegen Frankreich ein neuartiges „englisches“ Nationalbewußtsein entstand, das seinen sinnfälligen Ausdruck in der Aufgabe des Französischen als Sprache der Herrenkaste fand. Es blieb ein Stachel, den man erst im 19. Jahrhundert zu ziehen hoffte.

Typisch war der Versuch des Schriftstellers Rudyard Kipling, den Triumph Wilhelms als List der Geschichte zu deuten. Seiner Meinung nach verdankte sich der Sieg der Normannen weder strategischem Genie noch überlegener Kampfkraft, sondern der Vorsehung, die dafür sorgte, „daß das großartige, träge, zähe englische Volk von einer kleinen Schar von Angehörigen des gescheitesten, stärksten und verwegensten Volkes, das in jener Zeit existierte, regiert und diszipliniert (und dabei zunächst gehörig schikaniert) werden sollte. Das genügte, um aus unserer Insel das größte Land der Welt zu machen. … Was im damaligen Europa noch an römischen Vorstellungen von Herrschaft und Ordnung übriggeblieben war, bewahrten die Normannen für uns.“

   
Normannen, die das Chr*stentum annahmen, avancierten rasch zu eifrigen Förderern von Kirche und chr*stlichem Glauben. Die überdimensionierte Abtei Mont-Saint-Michel in Nordfrankreich etwa profitierte in hohem Maße von der Förderung durch die normannischen Herzöge. Ehemalige Wikinger, die zum Chr*tum übertreten; es gibt kaum etwas Widerlicheres.

Wer mehr über die Geschichte der Normannen wissen will, hier gibt es einen Schnellüberblick darüber:

https://mittelalter.digital/artikel/145/wikinger-und-normannen-eine-einleitung

Letztlich zielte die Deutung, die Rudyard Kipling der „Sänger des Empire“, vorschlug, darauf ab, das angelsächsische und das normannische Element in einem neuen „Britentum“ zu verschmelzen. Der Rückgriff auf die Bezeichnung „britisch“, abgeleitet von dem längst aus der Geschichte verschwundenen antiken Volk der Briten, diente schon seit dem 17. Jahrhundert der Integration von Engländern neben Schotten, Walisern und Iren nur dem Zweck, die Brüche in der Nationalgeschichte zu kitten. Es entstand so eine „große Erzählung“, an deren Erfolg kein Zweifel sein kann. Wenigstens bis in die Zeit nach dem Ersten – bei großzügiger Betrachtung sogar bis in die Zeit nach dem Zweiten – Weltkrieg durfte die britische Identität als sichere Grundlage des Vereinigten Königreichs gelten.

Normannisches Erbe interessiert in Großbritannien offenbar nicht

Die geriet zuerst durch die irischen und neuerdings auch durch die schottischen und walisischen Autonomiebestrebungen stärker unter Druck. Was in einer erwartbaren Reaktion zur Entstehung eines spezifisch englischen Nationalismus führte. Der hat zwar noch keine breite organisatorische Basis gefunden, manifestiert sich aber längst in der migrationskritischen Szene. Nur auf das normannische Erbe scheint in Großbritannien niemand Anspruch zu erheben. Dieser Bezug hat sich, wenn überhaupt, nur in der Normandie selbst erhalten. Hier entstand wie in vielen anderen Teilen Frankreichs – in der Bretagne, im Baskenland, in Okzitanien, auf Korsika oder in Elsaß und Lothringen – eine regionalistische Strömung, die sich der Pflege der Mundart oder der Sprache, des Brauchtums und der materiellen Überreste zuwandte, dann aber in Reaktion auf den Zentralismus eine Politisierung durchlaufen mußte.

Das galt in gewissem Sinn auch für die Normandie, wenngleich eine „Normannische Bewegung“ hier – anders als in der benachbarten Bretagne – niemals eine tiefere Verankerung fand. Was es an Impulsen gab, verdankte sich in der jüngeren Vergangenheit wesentlich der Initiative eines einzelnen Mannes: Jean Mabire. Mabire, der nicht nur ein Journalist, sondern auch ein begabter Graphiker war, veröffentlichte zusammen mit einigen Freunden seit 1949 die Zeitschrift Viking, die den Normannen ein neues Selbstbewußtsein einflößen sollte und gleichzeitig eine Art pan-nordische Bewegung vertrat, der die kulturellen Beziehungen vor allem zu Dänemark, Norwegen, Island und Schweden zu stärken suchte.

Durchschlagender Erfolg war diesem Projekt leider nicht beschieden. Mabire selbst blieb seiner Sache treu bis zum Tod (2006) und erreichte größere Bekanntheit; auch als Verfasser populärer militärgeschichtlicher Arbeiten und durch seine Beteiligung an verschiedenen politischen Initiativen, die zuletzt in der Entstehung der Nouvelle Droite – der „Neuen Rechten“ – Frankreichs mündeten.
Entweder man findet einen Weg oder man schafft einen Weg!
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Es bedanken sich: Violetta , Nino , Modiv , Waldschrat , Hernes_Son , Wilder Mann , Kuro


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