Kompliziertes Erbe:
Königin Luise und Schloß Hohenzieritz
Über viele Generationen prägte die preußische Königin Luise das Selbstbild der Deutschen. Ihr Kampf gegen Napoleon und ihr früher Tod machten sie zu einer Nationalheiligen. Ihr Sterbezimmer im mecklenburgischen Schloß Hohenzieritz war bis 1945 ein Wallfahrtsort. Die DDR tat sich zunächst sehr schwer mit dem Erinnern an die preußische Königin.
Der Brief der Königin sprüht vor Vorfreude. "Bester Päp! Ich bin tull und varucky! Eben hat mir der gute, liebevolle König die Erlaubnis gegeben, zu Ihnen zu kommen", schreibt Luise von Mecklenburg-Strelitz am 19. Juni 1810 an ihren Vater in Neustrelitz. "Tausendmal um Verzeihung über das Geschmier" bittend kündigt sie an, daß auch ihr Mann, Preußens König Friedrich Wilhelm III., käme. Dessen Wunsch: Ein Familientreffen auf Schloß Hohenzieritz. Es wird Luises letzte Reise.
Geboren am 10. März 1776 in Hannover, wächst sie nach dem frühen Tod ihrer Mutter vor allem bei der Großmutter in Darmstadt auf. Vater Karl ist Erbprinz des Herzogtums Mecklenburg-Strelitz. Als er auf den Strelitzer Thron kommt, sind seine Töchter Luise und Friederike bereits verheiratet. "Wie ich die Beiden zum ersten Mal sah, war ich so frappiert von ihrer Schönheit, daß ich ganz außer mir war“, schreibt Preußens König Friedrich Wilhelm II. "Ich wünschte sehr, daß meine Söhne sie sehen und sich in sie verlieben." Das passiert.
Weihnachten 1793 heiratet Luise den späteren preußischen König Friedrich Wilhelm III. in Berlin. Es ist eine doppelte Traumhochzeit, denn auch Luises Schwester und Friedrich Wilhelms Bruder geben sich das Ja-Wort. "Durch den Ruf wahrhaft fürstlich-edlen Charakters der beiden Prinzessinnen, hat unsere Bürgerschaft sie bereits in der Ferne liebgewonnen", jubelt eine Berliner Zeitung. 1798 schreibt Wilhelm Schlegel über Luise: "Vor ihrem Blick ist jedes Leid entflohen, sie wär' in Hütten Königin der Herzen, sie ist der Anmut Göttin auf dem Thron.“
Luise und Friedrich Wilhelm III. heiraten 1793.
Nahezu im Jahrestakt bekommen Luise und Friedrich Wilhelm Nachwuchs. Insgesamt zehn Kinder. Doch das familiäre Glück wird durch die politische Situation geschmälert.
Napoleon und Luise – in Abneigung vereint
Napoleon, der Kaiser der Franzosen, überzieht Europa mit Kriegen. Luise nennt ihn deshalb "Quell des Bösen, die Geißel der Erde, die alles Gemeine und Niederträchtige in einer Person vereinigt". Sie beschwört ihren Mann, nicht klein beizugeben. "Gewalt gegen Gewalt! Das ist meiner Meinung nach das Einzige", schreibt sie ihm im April 1806. Die Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit. "Sie ist eine Frau mit einem hübschen Gesicht, aber mit wenig Geist", giftet Napoleon im Oktober 1806 öffentlich. "Die Königin von Preußen ist bei der Armee, als Amazone gekleidet und schreibt täglich zwanzig Briefe, um das Feuer auf allen Seiten anzufachen."
1807 trifft Luise Napoleon in Tilsit.
Scheinbar unaufhaltsam stürmt Napoleon von Sieg zu Sieg. Im Juli 1807 ist er in Ostpreußen. König Friedrich Wilhelm III. ist zum Waffenstillstand gezwungen. Er bittet Luise um Hilfe. Sie soll Napoleon treffen und milde stimmen. "Unter tausend Tränen sagte sie: 'Das ist das schmerzhafteste Opfer, was ich meinem Volk bringe'", schreibt ihr Leibarzt Chr*stoph Wilhelm Hufeland in seiner Autobiografie. Doch das dramatische Treffen in Tilsit bringt nichts. "Ich sprach das, was mir die Eingebung sagte." Allein ich sprach nicht zu einem Menschen, sondern zu einem Wesen ohne menschlich Herz. Und das Resultat ist denn auch so rein unmenschlich", schildert Luise später die Begegnung mit Napoleon.
Tod mit 34 Jahren in Hohenzieritz
"Es war eine Lungenentzündung. Das Fieber sehr stark", notiert Gräfin Voß am 1. Juli 1810 in ihrem Tagebuch. Und am 19. des Monats: "Ach, welch unglückseliger fürchterlicher Tag. Gegen 5 Uhr kam der König, aber die Königin hatte bereits den Tod auf der Stirn geschrieben." Herangeeilt aus Berlin ist Friedrich Wilhelm III. im Todesmoment dabei. Genauso wie die Söhne. "Es war etwa 9 Uhr. Die Königin hatte ihren Kopf sanft auf die Seite geneigt, doch ihre Augen und ihr Blick waren fest. Luise wird nur 34 Jahre alt.
Schloß Hohenzieritz wird nun zum Wallfahrtsort, das Sterbezimmer zur Andachtsstätte. "Es war das Schreibzimmer ihres Vaters. Sie wurde dorthin gebracht, weil es der kühlste Ort im Schloß war", berichtet Susanne Bocher. Die promovierte Historikerin leitet die vom Landesbetrieb Staatliche Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern betriebene Luisen-Gedenkstätte. Dort sind unter anderem Luises Totenmaske und eine Gipskopie des Berliner Luisen-Sarkophags zu sehen. "Bis in die 1930er-Jahre gab es auch einen Blumenkranz, den ihre Kinder am Sterbetag geflochten haben." Daß es den Kranz heute nicht mehr gibt, liegt an der turbulenten Geschichte nach 1945.
Greuel an geheiligter Stätte
Am Ende des Zweiten Weltkrieges beschlagnahmen sowjetische Truppen das Schloß und richten eine Kommandantur ein. Im September 1945 konnte ich noch über vieles berichten, was von den Schätzen des Schlosses übriggeblieben war: über wertvollen Hausrat, über Bilder, Stiche, Zeichnungen, Büsten und besonders über das Sterbezimmer der Königin mit dem Grabmal, wenn dies auch schon beschädigt war", schreibt ein örtlicher Beamter im Januar 1947 an das Landesamt für Denkmalpflege in Schwerin. Die Lage habe sich indes verändert: "Ein Greuel der Verwüstung an geheiligter Stätte. Trümmer, Schmutz und Zerstörung, das ist alles, was zurückgeblieben ist."
Nach dem Auszug der Sowjets werden geflüchtete deutsche Familien im Schloß einquartiert. Eine vorübergehende Bleibe, denn es gibt andere Pläne. "Der Park soll abgeholzt, das Schloß abgerissen und Neubauerngehöfte errichtet werden", berichtet ein Denkmalpfleger im März 1948 nach Schwerin.
Er selbst wird von den Kommunisten eingeschüchtert. "Die Kreisbaukommission und die Bauabteilung vom VdgB (Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe) haben durch einen russischen Major in Karlshorst über mich Beschwerde geführt, daß ich Schloß und Park noch halten wollte." In Berlin-Karlshorst sitzt damals die Sowjetische Militäradministration. Daß sie als höchste Stelle in der Sowjetischen Besatzungszone eingebunden wird, ist kein Wunder. Sowjets und deutschen Kommunisten ist alles vermeintlich Preußische verhaßt.
Mecklenburgs Denkmalpflegern gelingt es Anfang der 50er-Jahre trotzdem, Schloß und Park Hohenzieritz unter Denkmalschutz zu stellen. Gegen den Verfall können sie zunächst nichts unternehmen. Es fehlt an Geld, Material und Verständnis für das besondere Kulturerbe. "Das Gebäude ist in geradezu erschreckender Weise verwahrlost und verschmutzt. Auf den Treppen und den Gängen liegt Ziegen- und Kaninchendreck. In den Wohnungen wird Kleinvieh gehalten", heißt es in einem zeitgenössischen Bericht, der im Schweriner Archiv des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege verwahrt wird.
Beschwerde über Kulturschande
Von Neustrelitzer "Natur- und Heimatfreunden" heftig als "Kulturschande" kritisiert: Das verfallende Hohenzieritzer Schloß um 1960.
Dort findet sich auch die mehrseitige Beschwerde der Neustrelitzer Natur- und Heimatfreunde im Kulturbund. Nach einem Besuch in Hohenzieritz empören sie sich im Dezember 1959: "Die Löcher im Erdgeschoß, durch die Hühner ihren Weg in das Schloß nehmen, müssen beseitigt werden. Keller und Erdgeschoß dürfen weder als Viehstall noch als LPG-Wäscherei genutzt werden." Daß ein denkmalgeschütztes Schloß so mißbräuchlich genutzt werde, sei untragbar und müsse "als Kulturschande bezeichnet werden". Anfang der 60er-Jahre bessert sich die Lage. Ein neugegründetes Institut für Landwirtschaft zieht in das Schloß.
Der neuen Nutzer bringt viel Geld mit. Das Schloß kann renoviert werden. Sogar das alte herzogliche Wappen am Giebel wird mit Blattgold erneuert. Ein kleiner Trick der Denkmalpfleger. "Manchmal schützt die Kostbarkeit der Fassung vor übereilter Bilderstürmerei", verrät eine interne Aktennotiz aus dem April 1963. Wie sinnvoll das ist, zeigt sich wenige Wochen später. "Die Leitung des Institutes möchte vermeiden, daß das Schild mit dem Wappen wieder angebracht wird", alarmiert ein Eilbrief der Denkmalpflege den beauftragten Künstler. Vertraulich habe man erfahren, daß das Baugerüst entfernt werden soll, bevor das Adelswappen an Ort und Stelle ist. In einer Hauruck-Aktion wird das Blechschild in der Volkswerft Stralsund hergestellt, bemalt und nach Hohenzieritz gebracht. Gerade noch rechtzeitig.
In den 80er Jahren retteten engagierte DDR-Bürger den vom Verfall bedrohten Luisentempel im Hohenzieritzer Schloßpark.
Diese Zuschreibung würde auch für die Luisen-Freunde in Mecklenburg passen. In Hohenzieritz bildet sich in den 80ern ein "Parkaktiv". Das kümmert sich um das Wiederherstellen der historischen Anlage. "Sie haben sich auch darum bemüht, daß die desolate Kuppel vom Luisen-Tempel dicht gemacht wurde", erzählt Dietmar Gallinat. Er kam als als junger Restaurator 1988 nach Hohenzieritz. Die Parkaktivisten hätten sich ins Zeug gelegt und Material beschafft, das im kommunistischen Wirtschaftssystem nur schwer zu bekommen war. Zum Beispiel Zinkblech.
Restaurator Gallinat kümmerte sich derweil um das Schloß. Vom alten Glanz in Luises Sterbezimmer war nichts mehr zu sehen. "Das war relativ nüchtern: Büroatmosphäre, Ölfarbe, glatte Wände." Trotzdem entsteht damals ein für DDR-Verhältnisse verwegener Plan. "Langfristig ist die Gestaltung des Raums als Gedenkzimmer für die Königin Luise vorzubereiten", steht im Protokoll über die "Beratungen über weitere Maßnahmen zur Vorbereitung der 200 Jahrfeier Schloß und Park Hohenzieritz". Der Beschluß vom 20. Januar 1989 wird nach der politischen Wende tatsächlich umgesetzt.
Zunächst von einem Verein, dem auch der heutige Hohenzieritzer Bürgermeister Peter Strobl angehörte: "Es war ganz klar eine Aufbruchsstimmung. Man hatte großes Interesse, mit dem Schloß was hinzukriegen." Ab 2003 werden die historischen Räume im Erdgeschoß wieder hergerichtet. Es tauchen sogar alte Ausstellungsobjekte wieder auf. Zum Beispiel eine Original-Luise-Büste von Chr*stian Daniel Rauch. Sie wurde am Eröffnungstag anonym auf der Schloßtreppe abgelegt, eingewickelt in einer DDR-Militärplane. 2017 übernimmt das Land die Gedenkstätte und gestaltete sie um. Königin Luise wird dort heute gewürdigt und verehrt, wie Leiterin Susanne Bocher erklärt."
Die erste, von einem Verein organisierte Ausstellung wurde im März 2003 eröffnet. Nach der Übernahme der Gedenkstätte durch das Land Mecklenburg wurde sie jedoch wieder entfernt.